
MANUNKIND: Determinants and Dynamics of Collaborative Exploitation
Ausbeutung kennt viele Formen, von Lohndiebstahl über Menschenhandel bis hin zu Zwangsarbeit. Trotz anhaltender Forderungen, gegen Ausbeutung vorzugehen, sind die Grundlagen dieses Problems nach wie vor stark untererforscht: Wir wissen zu wenig über Verbreitung, Auswirkungen und Gegenstrategien. Um dem abzuhelfen, verfolgt das ERC-finanzierte Projekt MANUNKIND einen dreigliedrigen Forschungsansatz: Es kombiniert formale Theorie, experimentelle Untersuchungen sowie Daten aus Vergangenheit und Gegenwart.
Menschen: Meister der Ausbeutung
Schätzungen zufolge leben heute rund 50 Millionen Menschen in Zuständen, die „moderner Sklaverei“ ähneln (Rusch, 2026). Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Menschen aller Kulturen und Zeiten schon immer Systeme errichteten, um andere zur Arbeit zu zwingen: Schuldknechtschaft, Leibeigenschaft und transatlantische Sklaverei sind nur einige Beispiele. Dennoch wissen wir bislang nur wenig darüber, wo, wann und warum Menschen zu diesen unterschiedlichen Formen gemeinschaftlicher Ausbeutung griffen und welche Faktoren zu ihrem Fortbestehen beitrugen.
Altes Problem, moderne Methoden
Im Projekt MANUNKIND untersucht die Forschungsgruppe um Hannes Rusch das gesamte Spektrum ausbeuterischen Verhaltens, von unfairen Arbeitsbedingungen bis hin zu Sklaverei und Menschenhandel. Ihr Ansatz beruht auf drei Säulen:
- Mithilfe der Spieltheorie wird die strategische Logik ausbeuterischer Interaktionen zwischen einzelnen Menschen oder in größeren Kollektiven modelliert.
- Mit Methoden der experimentellen Ökonomik und der Sozialpsychologie wird untersucht, wie Menschen sich in Situationen starker asymmetrischer Abhängigkeit verhalten, in denen Ausbeutung möglich ist.
- Um zu testen, welche Theorien sich auch außerhalb kontrollierter Laborsituationen bestätigen lassen, werden größere Datensätze zu Fällen historischer und moderner kollektiver Ausbeutung herangezogen.
Ziel ist methodische Konvergenz: Befunde, die sich gleichermaßen durch formale Theorie, experimentelle Ergebnisse und Beobachtungsdaten aus der realen Welt stützen lassen, sind besonders aussagekräftig.
Erste Ergebnisse: Prävalenz von Ausbeutung
Julia Teufel, Doktorandin mit Schwerpunkt in Sozialpsychologie, fokussiert mildere Formen von Ausbeutung, wie sie täglich am Arbeitsplatz vorkommen können. In einer für die US-Bevölkerung repräsentativen Stichprobe fand sie, dass das Gefühl, am Arbeitsplatz ausgebeutet zu werden, weit verbreitet ist: Drei von vier Befragten hatten dieses Gefühl mindestens ein Mal in ihrer Karriere, und zwar unabhängig von Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit oder Einkommen; siehe Abbildung 1. Von besonderer Bedeutung scheint die Selbstbestimmung der Arbeitenden zu sein: Ist diese gering, wird Ausbeutung im realen Leben häufiger empfunden – was Julia Teufel auch experimentell bestätigen konnte (Teufel et al. 2025). Mehr Selbstbestimmung kann also ein entscheidender Schritt sein, um „alltägliche“ Ausbeutung am Arbeitsplatz zu reduzieren.
Auswirkungen von Ausbeutung
Der Wirtschaftswissenschaftler Gewei Cao, ebenfalls Doktorand im Team, untersucht mit ökonometrischen Methoden die Auswirkungen von Menschenhandel. Indem er Kriminalitätsstatistiken und Daten aus wiederholten Querschnittsumfragen kombiniert, demonstriert Gewei Cao mithilfe von regionalen Unterschieden in Rumänien und Indien, dass Menschenhandel zwischenmenschliches Vertrauen untergraben kann (Cao & Rusch 2025). Seine Arbeit belegt damit zum ersten Mal, dass moderner Menschenhandel schwerwiegende Auswirkungen nicht nur auf die Opfer und deren Familien hat, sondern auch auf ganze Gesellschaften.
Strategien gegen Ausbeutung
Maximilian Schmitt, Postdoc mit mathematischem Hintergrund, analysiert mithilfe der Spieltheorie die Strategien von Ausbeutern und fragt, wie diesen durch politische Maßnahmen entgegengewirkt werden kann. Eines seiner Projekte stellt das erste Prinzipal-Agent-Modell vor, das die drei wichtigsten Mechanismen der Ausbeutung umfasst: Täuschung, Drohung und Zwang (Schmitt et al. 2025). Maximilian Schmitts Forschung zeigt, dass eine verbesserte Strafverfolgung oder die Einführung von Lizenzierungsmechanismen für vertrauenswürdige Arbeitgeber in der Theorie zwar schwere Formen der Ausbeutung wirksam eindämmen können, beide Maßnahmen jedoch unerwünschte Nebeneffekte haben können, wenn sie vorschnell ergriffen werden.
Bekämpfung von Ausbeutung in Deutschland
Vor dem Hintergrund der globalen sozioökonomischen Lage sind die Ergebnisse des MANUNKIND-Projekts äußerst relevant für politische Entscheidungsträger in Deutschland, Europa und darüber hinaus. Die fortwährenden Skandale der jüngsten Zeit, zum Beispiel in der Gig-Economy, dem Logistiksektor, oder prekärer Pflege machen deutlich, dass Ausbeutung ein wachsendes Problem ist. Entsprechend hat die Bundesregierung bereits im Einklang mit dem Nachhaltigkeitsziel der UN, moderne Sklaverei zu beenden, einen nationalen Aktionsplan gegen Ausbeutung angestoßen. Allerdings mangelt es an wissenschaftlich fundierten Konzepten zur Erreichung dieser Ziele. Unsere Forschung hilft dabei, dieses Problem anzugehen, indem sie das volle Spektrum ausbeuterischen Verhaltens mit einem interdisziplinären und multimethodischen Ansatz untersucht.











