Neuansatz zum sozialen Umfeld in der Theorie, Doktrin und Praxis des amerikanischen Strafrechts

Neuansatz zum sozialen Umfeld in der Theorie, Doktrin und Praxis des amerikanischen Strafrechts

Eine neurowissenschaftlich-rechtliche Studie

Den Einflüssen des sozialen Umfelds auf das menschliche Verhalten wird in der amerikanischen Strafrechts­wissen­schaft (erneut) zunehmend Bedeutung zugeschrieben. Die wachsende Anerkennung der traumatisierenden sozialen Bedingungen, die nur zu häufig jene Menschen treffen, die mit dem Strafrechtssystem in Berührung kom­men, hat (wieder einmal) die Debatte darüber angeheizt, ob (und wie) diese Bedingungen in Entscheidungen über Verantwortung und Strafe einfließen sollen. Dieses erneute Interesse der Wissenschaft am „sozialen Hintergrund“ von Individuen geht einher mit fortschreitenden Erkenntnissen aus der modernen sozialen Neurowissenschaft über den untrennbaren Zusammenhang zwischen sozialen Umweltfaktoren und Gehirn. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass soziale Kontextfaktoren Struktur und Funktion des Gehirns fortlaufend prägen und sie daher zu den wichtigsten Determinanten für psychisches Befinden und Sozialverhalten zählen. Insgesamt führen diese Erkenntnisse zu einer kritischen Hinterfragung der Vorstellung seitens des Strafrechts von der Person als eines Individuums, dessen Verhalten vom jeweiligen sozialen Kontext „abgeschottet“ werden kann.
Wie könnten diese empirischen Erkenntnisse zu normativen Forderungen werden? Wie könnte das Strafrecht mit diesem untrennbaren Aspekt menschlichen Verhaltens bestmöglich umgehen? Könnten die gängigen Vorstel­lun­gen über die strafrechtliche Verantwortung aufrechterhalten werden, wenn den sozialen Kontextfaktoren nor­ma­ti­ves Gewicht bei der Schuldfeststellung verliehen werden? Welche Implikationen hätte die normative Berück­sich­tigung des „sozialen Umfelds“ für die Idee und Praxis von Strafe? Und schließlich, hätte eine substantiellere Berücksichtigung des sozialen Umfelds eines Individuums in den Bereichen des Strafrechts Auswirkungen auf die ureigenste Bedeutung von „Gerechtigkeit“?
Diese Fragestellungen werden in diesem neurowissenschaftlich-rechtlichen Projekt eingehend untersucht. Ge­nau­er gesagt greift das Projekt auf Erkenntnisse der sozialen Neurowissenschaft zurück, um die Rolle des sozialen Umfelds in der etablierten amerikanischen Strafrechtstheorie, -doktrin und -praxis neu zu überdenken. Ent­spre­chend gliedert sich das Projekt in spezifische Untersuchungsbereiche mit folgenden Themen/Themen­be­rei­chen: 1. die Entwicklung einer situationsbedingten teilweisen Entschuldigungsdoktrin; 2. die Reform der Strafzumes­sungs­prin­zi­pien und Kriterien; 3. die Neubewertung der Freiheitsstrafe und der Einzelhaft. Jede Untersuchung beleuchtet die Implikationen einer normativen Neubetrachtung der sozialen Umfeldfaktoren für die genannten Kontexte.
Methodisch ist das Projekt interdisziplinär aufgestellt, bestehend aus einer Kombination von einer theoretisch-deskriptiven Analyse der aktuell geltenden Gesetze, einer deskriptiv-empirischen Analyse der (neuro)wissen­schaft­lichen Daten und Literatur und der Entwicklung normativer Argumente und Vorschläge. Ziel des Projekts ist letztlich festzustellen, ob, indem den sozialen Umfeldfaktoren normatives Gewicht in den verschiedenen Straf­rechts­bereichen verliehen wird, das amerikanische Strafrechtssystem auf der Basis einer weniger punitiven, gerechteren und humanen Grundlage neu verortet werden kann.

 

Forschungsergebnis: Veröffentlichungen in juristischen Fachzeitschriften; wissenschaftlicher Workshop (2022); (Projektbeginn: 2021)
Projektsprache: Englisch
Foto: Nothing Ahead/Pexels

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