CRIMETIME

Kurzfristig orientiertes Denken („short-term mindsets“) und Kriminalität

Warum neigen manche Personen eher als andere dazu, eine Straftat zu be­ge­hen? Die Antworten auf diese für die Kriminologie zentrale Frage lassen sich zwei großen Denkansätzen zuordnen. Persönlichkeitsorientierte Sicht­wei­sen sehen die Ursache für kriminelles Verhalten in stabilen Faktoren im Individuum, beispielsweise mangelnder Selbstkontrolle. Soziogene Ansätze hingegen legen in ihren Studien das Augenmerk auf Faktoren außerhalb des Individuums und verweisen beispielsweise auf schwierige Wohngegenden, Arbeitslosigkeit der Eltern und nicht normenkonforme Peers als Hauptursachen für Kriminalität. Obwohl beide Sichtweisen breite Unterstützung er­fah­ren, ist ein konstruktiver Austausch zwischen ihnen bislang kaum zustande gekommen. Allerdings wird gerade die Forschung an dieser Schnittstelle für unser Verständnis von kriminellem Verhalten vermutlich besonders fruchtbar sein.

Das ERC-finanzierte Projekt CRIMETIME (ERC Consolidator Grant 772911) soll diese Lücke schließen. Dazu skiz­zie­ren und testen wir eine neue Sichtweise auf kriminelles Verhalten, die den individuellen und den soziogenen An­satz integriert und dabei das Hauptaugenmerk auf ein gängiges Korrelat von Kriminalität richtet: die Tendenz, sich auf unmittelbare Vorteile zu konzentrieren und dabei langfristige Nachteile zu vernachlässigen (d. h. kurz­fris­ti­ges Denken). Diese Perspektive basiert auf der Annahme, dass dieses Denken Kriminalität begünstigt, und sie führt de­tailliert aus, wie sowohl individuelle Dispositionen und soziogene Variablen dieses Denken fördern. Dies bedeu­tet, dass das kurzfristige Denken nicht, wie in der Kriminologie allgemein angenommen wird, stabil, sondern form­bar ist und sich im Laufe der Zeit in Abhängigkeit von Umfeldfaktoren wie Viktimisierung, Erziehungsstilen, Sank­ti­o­nen und straffälligen Gleichaltrigen verändert – alles Faktoren, die einzeln maßgeblich mit Kriminalität in Verbin­dung gebracht werden.


Ausgewählte Publikationen

Ivy N. Defoe, Jean-Louis Van Gelder, Denis Ribeaud, and Manuel Eisner, "The Co-development of Friends’ Delinquency with Adolescents’ Delinquency and Short-term Mindsets: The Moderating Role of Co-Offending," Journal of Youth and Adolescence (50), 1601-1615 (2021).
Jean-Louis Van Gelder, Margit Averdjk, Denis Ribeaud, and Manuel Eisner, "Sanctions, short‐term mindsets, and delinquency: Reverse causality in a sample of high school youth," Legal and Criminological Psychology (2020).
Jean-Louis Van Gelder, Margit Averdjk, Denis Ribeaud, and Manuel Eisner, "Sanctions, short‐term mindsets, and delinquency: Reverse causality in a sample of high school youth," Legal and Criminological Psychology (2020).
Liza J. M. Cornet and Jean-Louis Van Gelder, "Virtual reality: a use case for criminal justice practice," Psychology, Crime & Law (2020).

Podcast

Short-Term Mindsets and the Victim-Offender Overlap

Guest: Sebastian Kübel • 11/2021
In this episode Christopher Murphy talks with Sebastian Kübel about results from the CRIME­TIME project, touching in particular on the role that short-term mindsets have on the victim-offender overlap.

 

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