Einmal Lügner – Immer Lügner?

Studie von Max-Planck-Forscherin Isabel Thielmann zeigt, dass Lügen konsistent ist

27. März 2025

Jetzt mal ehrlich – wir alle haben es schon einmal getan: gelogen oder die Wahrheit etwas verbogen. Auch wenn es niemand gerne zugibt, gehört es zum menschlichen Verhalten dazu. Die Persönlichkeitsforschung zeigt, dass manche Menschen stärker zum Lügen neigen als andere. Doch lässt es sich vorhersagen, ob jemand lügen wird oder nicht? Eine neue Studie von Max-Planck-Forscherin Isabel Thielmann und dreier Kollegen zeigt, dass man voran­gegan­genes unehrliches Verhalten zur Vorhersage von zukünftigem Verhalten nutzen kann. Damit liefert sie einen Gegenbeleg zu früherer Forschung, die von einer hohen Varianz unehrlichen Verhaltens ausging.

Die Studie untersucht, wie sich Menschen verhalten, wenn sie sich wiederholt in einer Situation befinden, in der ihnen Lügen einen Vorteil verschafft, ohne dass sie Bestrafung für ihr unehrliches Verhalten befürchten müssen – wenn sich Lügen quasi lohnen würde.

Das Ergebnis: Menschen, die einmal gelogen haben, werden wahrscheinlich in ähnlichen Situationen wieder lügen. Zudem gibt es einen Zusammenhang zwischen (un)ehrlichem Verhalten und bestimmten Persön­lich­keits­merkmalen. Konkret bedeutet das: zukünftiges Verhalten wird in großen Teilen durch vorangegangenes Verhalten vorhersagbar – ganz nach dem Prinzip: „Einmal Lügner – immer Lügner.“

 

„Menschen, die einmal gelogen haben, werden wahrscheinlich in ähnlichen Situationen wieder lügen.“
Isabel Thielmann

Frühere Forschung zu diesem Thema fand nur eine geringe Konsistenz von unehrlichem Verhalten und stellte damit Theorien infrage, die unehrliches Verhalten auf bestimmte Persön­lich­keits­merkmale zurückführen. Isabel Thielmann und ihre Kollegen bezweifeln diese Schlussfolgerung: „Frühere Forschung hat unehrliches Verhalten in sehr unterschiedlichen Situationen untersucht und aus den Ergebnissen geschlossen, dass unehrliches Verhalten vor allem von der Situation abhängt. Was wir gemacht haben, ist Lügenverhalten in drei strukturell ähnlichen Situationen zu messen, um eine weniger verfälschte Schätzung der Konsistenz zu erhalten,“ erklärt Thielmann. So sollte die Konsistenz im Verhalten vorzugsweise dann untersucht werden, wenn auch die Versuchssituationen in ihrer Struktur gleichbleiben.

Drei Experimente zeigen die Konsistenz auf

Wie gingen die Forschenden vor? Sie schufen drei Situationen, die sich in einem Kernmerkmal glichen: In allen Situationen konnten die Teilnehmenden lügen, um einen Geldbetrag zu erhalten; sie blieben dabei anonym. Das bedeutet, dass die Forschenden nicht nachvollziehen konnten, ob einzelne Personen – und wenn ja, wie oft – gelogen hatten. Mithilfe der Antworten der Teilneh­men­den, konnten die Forscher jedoch Schätzungen zur Lügentendenz ableiten und diese mit selbstberichteten Persönlichkeitsmerkmalen in Verbindung setzen.

Was kam heraus? In allen drei Situationen behaupteten deutlich mehr Personen, den Geldbetrag gewonnen zu haben, als es statistisch wahrscheinlich gewesen wäre. Noch wichtiger jedoch: „Wer in einer Situation unehrlich ist, wird sich wahrscheinlich auch in anderen ähnlichen Situationen unehrlich verhalten“, fasst Thielmann ihre Ergebnisse zusammen. Dies stelle eine Gegenevidenz zu der bisherigen Annahme dar, dass Lügen stark zwischen Situationen hinweg variiert.

Ehrlich-bescheidene Menschen lügen weniger

Und noch einen anderen Zusammenhang konnten die Forschenden herausarbeiten:  Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen, etwa mit dem Merkmal Ehrlichkeit-Bescheidenheit, neigen deutlich weniger zum wiederholten Lügen. Ehrlichkeit-Beschei­den­heit ist nach dem in der Psycho­logie häufig verwendeten HEXACO-Modell einer aus sechs Faktoren, der die menschliche Persön­lich­keit auszeichnet. Menschen mit einer niedrigen Ausprägung an Ehrlichkeit-Bescheidenheit gelten als unfair, bestechlich und geizig; sie halten sich wenig an gesellschaftliche Regeln.

Mit diesen Erkenntnissen lässt sich zukünftiges Verhalten besser vorhersagen als bisher vermutet. Jedoch betont Thielmann: „Man muss immer vorsichtig sein, inwiefern man von einer auf die nächste Situation tatsächlich generalisiert. Auch wenn vorangegangenes Verhalten eine gute Informationsquelle darstellt, um zukünftiges Verhalten abzuleiten, spielen immer auch andere Faktoren eine entscheidende Rolle, weshalb niemals eine perfekte Vorhersage möglich ist.“

Die Studie ist kürzlich in der renommierten Zeitschrift Journal of Personality and Social Psychology erschienen.

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