Schäfer-Vogel, G. (2007). Gewalttätige Jugendkulturen - Symptom der Erosion kommunikativer Strukturen (Vol. K 134) Schriftenreihe des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht : Kriminologische Forschungsberichte. Berlin: Duncker & Humblot. doi:10.30709/978-3-86113-083-3
Hooligans sind gewaltzentrierte Fußballfans. Skinheads sind eine äußerlich homogene, politisch heterogene, ideologisch überwiegend diffuse gewaltzentrierte Jugendkultur. Die Autonomen, die noch unzureichend erforscht sind und in dieser Arbeit ausführlich vorgestellt werden, können als ideologisch-thematisch vagabundierende gewaltzentrierte Radikale anarchistischer Prägung beschrieben werden. So unterschiedlich diese Jugendkulturen sind – ihnen gemeinsam ist die Gewaltzentriertheit, die Anlass gibt, nach gemeinsamen strukturellen Ursachen ihrer Entstehung zu fragen. Aufbauend auf der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas lassen sich gewalttätige Jugendkulturen als Symptom der Erosion kommunikativer Strukturen interpretieren. Ihre Entstehung ist auf die schleichende Kolonialisierung der Lebenswelt durch Übergriffe systemischer Imperative auf kommunikativ strukturierte Lebensbereiche zurückzuführen. Folgen der Kolonialisierung sind Störungen der Sozialisation, Enkulturation und sozialen Integration junger Menschen. Weil ihre Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeiten verarmt sind, werden sie vermehrt gewalttätig. Die Gewalt stellt sich als Negation von Kommunikation und als universelle Ersatzsprache dar, die allein aufgrund ihrer Körperlichkeit allgemein verstanden wird. Gewalttätige Jugendkulturen haben Zulauf, weil sie Integrationsdefizite, Ich-Schwäche und Orientierungslosigkeit kompensieren und erosionsbedingte Frustrationen in gewaltförmigen Protest gegen die gesellschaftliche Ordnung kanalisieren. Nachhaltig gewaltpräventive Wirkung kann nur eine radikale Demokratisierung der Gesellschaft entfalten, die die Lebenswelt vor einer fortschreitenden Kolonialisierung schützt und gewährleistet, dass in einer wiederbelebten demokratischen Öffentlichkeit auch potentielle jugendliche Gewalttäter eine Stimme haben, die sich heute vielfach nicht gehört, beachtet und ernst genommen fühlen.