Abteilung Strafrecht (Prof. Sieber)

Die Forschung in der strafrechtlichen Abteilung erfordert ein nach Ländern und Sachgebieten differenziertes Fachwissen. Ein Forschungsprogramm mit der gegenständlichen und der methodischen Ausrichtung auf die Strafrechtsvergleichung verlangt insbesondere ein detailliertes Wissen über das ausländische sowie das europäische und internationale Strafrecht, über die verschiedenen Rechtskulturen und die sie tragenden Gesellschaften sowie die dafür erforderlichen Fremdsprachenkenntnisse auf wissenschaftlichem Niveau. Diese besonderen Qualifikationen sind schwer zu finden, ist doch das Strafrecht ist wie kaum eine andere Rechtsmaterie Ausdruck der staatlichen Souveränität, noch wenig internationalisiert und daher eine Materie von Spezialisten für sehr unterschiedliche Rechtsordnungen. Ähnliches gilt für Sachgebiete, die durch ihre besondere Komplexität in tatsächlicher wie in rechtlicher Hinsicht gekennzeichnet sind und häufig über strafrechtliche Aspekte hinausreichen. Auch hier sind die Anforderungsprofile so speziell, dass Expert*innen selten sind. Die Einbeziehung von Fachwissen kann auch nur begrenzt über die – in jedem Fall notwendige – Zusammenarbeit mit externen Wissenschaftler*innen gelöst werden. Die erforderlichen Kernkompetenzen müssen deswegen in bestimmten Sachbereichen von der Forschungsabteilung selbst bereitgehalten werden.

Internationale Ausrichtung

Das Forschungsprogramm der strafrechtlichen Abteilung des Instituts ist seit dessen universitären Ursprüngen vor mehr als 80 Jahren auf rechtsvergleichende Untersuchungen ausgerichtet. Es beruht deswegen seit dieser Zeit auf einer intensiven internationalen Zusammenarbeit. Daraus entstanden schrittweise umfassende internationale Netzwerke in verschiedenen Regionen der Welt. Diese Verbindungen setzen bei wissenschaftlichen Partnerschaften an, die seit Jahrzehnten in einzelnen Regionen und Ländern bestehen – insbesondere in Europa, Lateinamerika und Ostasien sowie in Ländern wie der Türkei und Iran. In der internationalen Zusammenarbeit mit den nachfolgenden Generationen ausländischer Nachwuchswissenschaftler*innen weiten sich diese Kontakte kontinuierlich aus. Darüber hinaus veranlasst die gemeinsame Arbeit die Bildung neuer Netzwerke mit Strafrechtswissenschaftler*innen und Institutionen in Ländern wie insbesondere China, dessen Bedeutung in diesem Bereich in den knapp 20 Jahren erheblich zugenommen hat.

Rechtsvergleichende Gemeinschaftsprojekte

Für die wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen ist die Mitwirkung an rechtsvergleichenden Gemeinschaftsprojekten der Forschungsabteilung von besonderer Bedeutung. Hier kommen ihre speziellen Kenntnisse über die fremden Rechtsordnungen bereits bei der Forschungskonzeption zum Tragen. Der gegenseitige Meinungs-, Gedanken- und Erfahrungsaustausch über das Rechtsverständnis in den einzelnen Ländern ermöglicht einen übergreifenden Blick auf den Untersuchungsgegenstand und die von länderspezifischen Begriffen losgelöste Formulierung von Forschungsfragen. Bei größeren rechtsvergleichenden Arbeiten wird von den Projektleiter*innen eine Gliederungsstruktur entwickelt, die den Landesberichten als Basis für die Erstellung des anschließenden Rechtsvergleichs zugrunde liegt. Dieses Vorgehen ist Bedingung für eine fundierte rechtsvergleichende Grundlagenforschung.

Neben den Gemeinschaftsprojekten sind die wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen auch in Einzelprojekten tätig. Sie informieren die Fachöffentlichkeit in Aufsätzen und Vorträgen – auch rechtsvergleichend – über Entwicklungen und Besonderheiten des Strafrechts und der Kriminalpolitik in den einzelnen Ländern. Auf diese Weise tragen die Forscher*innen unter auslandsrechtlichen und rechtsvergleichenden Aspekten zur wissenschaftlichen Diskussion bei. Ferner erhält das Institut häufig Anfragen zu bestimmten Rechtsproblemen oder Verfahrensregeln in einzelnen Ländern. Die meisten Anfragen kommen von deutschen Gerichten und Staatsanwaltschaften aus Anlass konkreter Strafsachen, in denen das ausländische Strafrecht oder die Prozesspraxis eine Rolle spielen. Solche Anfragen werden durch das Gutachtenreferat koordiniert. Darüber hinaus ist die Expertise der Wissenschaftler*innen in Reformprozessen weltweit gefragt.