Das Projekt befasst sich mit Fragen der Rechtsfolgen bestimmter völkerrechtlicher Verbrechen und der Strafzumessungspraxis in verschiedenen Ländern. Das Gutachten geht auf eine Entscheidung des ICTY im Verfahren gegen Dragan Nicolic zurück.

For­schungs­ge­gen­stand und -ziel

Ge­gen­stand die­ses Pro­jekts war die Er­stel­lung ei­nes Gut­ach­tens für den In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof für das ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en (IC­TY) zu Fra­gen der Rechts­fol­gen be­stimm­ter völ­ker­recht­li­cher Ver­bre­chen und der Straf­zu­mes­sungs­pra­xis in ver­schie­de­nen Län­dern. Das Gut­ach­ten ging auf ei­ne Ent­schei­dung des Ge­richts vom 25. Sep­tem­ber 2003 zu­rück, mit der Prof. Dr. Sie­ber im Ver­fah­ren ge­gen Dra­gan Ni­ko­lić als ex­pert wit­ness um die Er­stel­lung ei­nes Gut­ach­tens ge­be­ten wur­de. In die­sem Ver­fah­ren hat­te sich der An­ge­klag­te Ni­ko­lić für schul­dig be­kannt, im Jahr 1992 als Lei­ter ei­nes Ge­fan­ge­nen­la­gers in dem Ge­biet des frü­he­ren Ju­go­sla­wi­en di­ver­se Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit be­gan­gen zu ha­ben, na­ment­lich mur­der (Art. 5 (a) IC­TY-Sta­tut), tor­ture (Art. 5 (f) IC­TY-Sta­tut), ra­pe (Art. 5 (g) IC­TY-Sta­tut) und per­se­cu­ti­ons on po­li­ti­cal, ra­ci­al and re­li­gious grounds (Art. 5 (h) IC­TY-Sta­tut). Zur Vor­be­rei­tung ei­ner Straf­zu­mes­sungs­ent­schei­dung des IC­TY soll­te das Gut­ach­ten Aus­kunft vor al­lem über zwei Fra­gen ge­ben. Zum einen soll­te dar­ge­legt wer­den, wel­che Strafrah­men für die­se Ta­ten in den Rechts­ord­nun­gen der Staa­ten des frü­he­ren Ju­go­sla­wi­en und der Mit­glieds­staa­ten des Eu­ro­pa­rats so­wie in an­de­ren wich­ti­gen Rechts­ord­nun­gen vor­ge­se­hen sind. Zum an­de­ren soll­te die Straf­zu­mes­sungs­pra­xis der na­tio­na­len Ge­rich­te im Ge­biet des ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en bei sol­chen Straf­ta­ten un­ter­sucht wer­den.

Her­an­ge­hens­wei­se

Zur Vor­be­rei­tung des Gut­ach­tens wur­den Lan­des­be­rich­te zu ins­ge­samt 22 Län­dern er­stellt, die Aus­kunft über die Strafrah­men für die an­ge­klag­ten Ta­ten so­wie über Grund­fra­gen der Straf­be­mes­sung in den ein­zel­nen Län­dern ge­ben. Im Ein­zel­nen wur­den an­hand ei­nes zu­vor aus­ge­ar­bei­te­ten ein­heit­li­chen Fra­gen­ka­ta­logs Lan­des­be­rich­te zu fol­gen­den Staa­ten an­ge­fer­tigt:

  • Län­der des Eu­ro­pa­rats: Bel­gi­en (Knie­büh­ler), Deutsch­land (Gro­pen­gie­ßer/Krei­cker), Eng­land (Hu­ber), Finn­land (Frän­de, Mohr), Frank­reich (Le­lieur-Fi­scher), Grie­chen­land (Ki­ria­ka­ki), Ita­li­en (Jar­vers), Ös­ter­reich (Zer­bes), Po­len (Sze­roc­zyns­ka), Russ­land (Shest­a­ko­va), Spa­ni­en (Man­so), Schwe­den (Cor­nils, Mohr), Tür­kei (Tel­len­bach).
  • Nord­ame­ri­ka: Ka­na­da (Wol­pert), USA (Sil­ver­man).
  • Süd­ame­ri­ka: Ar­gen­ti­ni­en (Ma­la­ri­no), Bra­si­li­en (IB­C­CRIM), Chi­le (Si­mon), Me­xi­ko (Ne­ri Gua­jar­do).
  • Afri­ka: Côte d'Ivoi­re (Kouas­si), Süd­afri­ka (Nam­ga­lies).
  • Asi­en: Chi­na (Rich­ter, Yang).
  • Ozea­ni­en: Aus­tra­li­en (War­ner).

Auf der Grund­la­ge die­ser Lan­des­be­rich­te wur­den dann in ei­nem rechts­ver­glei­chen­den Quer­schnitt die vom IC­TY ge­stell­ten Fra­gen ins­be­son­de­re zu Strafrah­men, zur Straf­zu­mes­sung und zur Straf­aus­set­zung be­ant­wor­tet (Ar­nold, Koch, Krei­cker, Nam­ga­lies, Sie­ber, Si­mon).

Dar­über hin­aus wur­den spe­zi­el­le Lan­des­be­rich­te für die fol­gen­den Län­der des ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en er­ar­bei­tet: Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, Kroa­ti­en, Frü­he­re Ju­go­sla­wi­sche Re­pu­blik Ma­ze­do­ni­en, Ser­bi­en und Mon­te­ne­gro (Ki­za, Kren­ber­ger, Sie­ber, Si­mon).

Par­al­lel da­zu wur­de in ei­nem zwei­ten Schritt auf der Grund­la­ge ei­nes spe­zi­el­len Fra­ge­bo­gens (Ki­za, Sie­ber) ei­ne Be­fra­gung von Rich­te­rin­nen und Rich­tern zu ih­rer Straf­zu­mes­sungs­pra­xis in Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, Kroa­ti­en, Ma­ze­do­ni­en und Mon­te­ne­gro durch­ge­führt (Ki­za zu­sam­men mit Mi­ja­to­vic, Mal­je­vic, Ivi­ce­vic, Ge­tos, Pe­ru­ni­cic und Ba­ca­no­vic). Die Be­fra­gung muss­te auf­grund des vom Ge­richt ge­setz­ten en­gen Zeit­pla­nes in­ner­halb von zwei Wo­chen durch­ge­führt wer­den. Die über­setz­ten Tran­skrip­te die­ser Be­fra­gun­gen bil­de­ten dann die Ba­sis für die Be­ant­wor­tung der Fra­gen zur Straf­zu­mes­sungs­pra­xis (Hö­fer, Kilch­ling, Ki­za, Sie­ber).

Be­tei­lig­te Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter

Jörg Ar­nold, Phil­lip Brunst, Ka­rin Cor­nils, Hel­mut Gro­pen­gie­ßer, Sven Hö­fer, Bar­ba­ra Hu­ber, Kon­stan­ze Jar­vers, Mi­cha­el Kilch­ling, Iri­ni Ki­ria­ka­ki, Er­ne­sto Ki­za, Ro­land Knie­büh­ler, Hans-Ge­org Koch, Ado­me Blai­se Kouas­si, Hel­mut Krei­cker, Ver­ena Kren­ber­ger; Ju­li­et­te Le­lieur-Fi­scher, Jor­ge Eze­quiel Ma­la­ri­no, Te­resa Man­so, Til­mann Mohr, Cli­via Nam­ga­lies, Tho­mas Rich­ter, Ul­rich Sie­ber, Emi­ly Sil­ver­man, Jan-Mi­cha­el Si­mon, Sil­via Tel­len­bach, In­ge­borg Zer­bes so­wie ex­ter­ne Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter

Er­geb­nis­se

Die Gut­ach­ten­er­stel­lung war vor al­lem des­we­gen schwie­rig, weil auf­grund der Sche­du­ling Or­der des Ge­richts vom 25. Sep­tem­ber 2003 für die Ar­beit nur we­ni­ge Wo­chen Zeit zur Ver­fü­gung stan­den. Die Gut­ach­ten­er­stel­lung war aus die­sem Grund durch ei­ne en­ge Team­ar­beit zahl­rei­cher Mit­ar­bei­ter ge­prägt, die be­son­de­re Her­aus­for­de­rung an die Ko­or­di­nie­rung des Pro­jekts stell­te. Das Gut­ach­ten konn­te dem IC­TY am 23. Ok­to­ber über­sandt wer­den. Prof. Dr. Sie­ber stell­te es dann dem IC­TY in Den Haag im Rah­men des Sen­ten­cing Hea­rings am 5. No­vem­ber 2003 vor und be­ant­wor­te­te an­schlie­ßend die Fra­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten. Für die in­ter­ne In­ti­tuts­ar­beit zeig­te das Gut­ach­ten, dass bei ei­ner ent­spre­chen­den en­gen Ko­or­di­na­ti­on selbst kom­ple­xe for­schungs­grup­pen­über­grei­fen­de Pro­jek­te in be­gren­zen Zeiträu­men ab­ge­schlos­sen wer­den kön­nen.

Der Gut­ach­ten­auf­trag wur­de von Herrn Prof. Dr. Sie­ber vor al­lem des­we­gen an­ge­nom­men, weil mit ihm wis­sen­schaft­li­ches Neu­land be­tre­ten wer­den konn­te. Ei­ne straf­recht­lich-kri­mi­no­lo­gi­sche Un­ter­su­chung, die so­wohl rechts­ver­glei­chend Strafrah­men für be­stimm­te Ta­ten, die der Ju­ris­dik­ti­on ei­nes in­ter­na­tio­na­len Tri­bu­nals un­ter­lie­gen, als auch die ent­spre­chen­de Straf­zu­mes­sungspra­xis un­ter­sucht, wur­de zu­vor - so­weit er­sicht­lich - noch nicht durch­ge­führt. Die Er­geb­nis­se die­ser nor­ma­tiv-em­pi­ri­schen Stu­die sind des­we­gen nicht nur für den IC­TY im zu ent­schei­den­den Fall und in an­de­ren Fäl­len von Be­deu­tung, son­dern von all­ge­mei­nem wis­sen­schaft­li­chem In­ter­es­se. Das kurz­fris­tig zu er­stel­len­de Gut­ach­ten bot dem In­sti­tut vor al­lem auch die Chan­cen, die ein­schlä­gi­gen For­schungs­ka­pa­zi­tä­ten des In­sti­tuts in wir­kungs­vol­ler Wei­se ei­nem in­ter­na­tio­na­len Fo­rum zu de­mons­trie­ren und da­bei auch das in­ter­na­tio­na­le Straf­zu­mes­sungs­recht mit zu ge­stal­ten. Dass die­se Zie­le er­reicht wur­den, macht vor al­lem das in­zwi­schen vom Ge­richt ab­ge­setz­te Ni­ko­lić-Ur­teil deut­lich, in dem das Ge­richt das schrift­li­che Gut­ach­ten ein­schließ­lich der ihm bei­ge­füg­ten 22 Lan­des­be­rich­te viel­fach zi­tiert. Die Ent­schei­dung dürf­te das bis­her aus­führ­lichs­te Ur­teil ei­nes In­ter­na­tio­na­len Ge­richts­hofs zur Straf­zu­mes­sung sein. Es zeich­net sich ins­be­son­de­re da­durch aus, dass es auf ei­ne wis­sen­schaft­lich fun­dier­te und brei­te Rechts­ver­glei­chung ge­stützt ist.

Die häu­fi­ge Be­zug­nah­me des Ur­teils auf das Gut­ach­ten und die Lan­des­be­rich­te führ­te da­zu, dass das Gut­ach­ten in der Fol­ge­zeit viel­fach an­ge­for­dert wur­de. Das In­sti­tut ver­öf­fent­lich­te das Gut­ach­ten des­we­gen in der Ori­gi­nal­fas­sung in der Rei­he Ar­beits­be­rich­te des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht. Die Pu­bli­ka­ti­on er­schi­en An­fang März 2004 (sie­he un­ten).

Die Er­for­schung von Grund­la­gen der völ­ker­straf­recht­li­chen Straf­zu­mes­sung wird in wei­te­ren - eben­falls wie­der­um ge­mein­sam von der straf­recht­li­chen und der kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­grup­pe be­trie­be­nen - Nach­fol­ge­pro­jek­ten wei­ter­ge­führt wer­den. Es ist be­ab­sich­tigt, die Un­ter­su­chung in Zu­sam­men­ar­beit mit dem IC­TY und mög­li­cher­wei­se auch des Of­fi­ce of the High Re­pre­sen­ta­ti­ve in Bos­ni­en und Her­ze­go­vi­na (In­te­rims­ver­wal­tung) der Ver­ein­ten fort­zu­füh­ren. Im Rah­men die­ses Pro­jekts sol­len Grund­la­gen der Straf­zu­mes­sung im Völ­ker­straf­recht ent­wi­ckelt, wei­te­re rechts­ver­glei­chen­de Un­ter­su­chun­gen durch­ge­führt und auch die bis­her er­gan­ge­nen Ur­tei­le in­ter­na­tio­na­ler Ge­rich­te ana­ly­siert wer­den.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Pro­jekt gibt der Bei­trag des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht im MPG-Jahr­buch 2004.