Sicherheitspolitische Herausforderungen und gesellschaftliche Veränderungen beeinflussen die Funktion und Gestalt des Strafrechts in vielfältiger Weise. Zudem übernehmen immer häufiger andere Rechtsgebiete Funktionen, die bisher das Strafrecht ausfüllte. Es stellt sich deshalb die Frage, ob es sich bei bestimmten rechtlichen Institutionen um Ausprägungen von Strafrecht handelt und welche Anforderungen an eine Qualifizierung als strafrechtlich zu stellen sind.
Vor diesem Hintergrund geht es in der Studie mit Blick auf das Recht Englands und Deutschlands um die Grenzen des Strafrechts. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche normativen Prinzipien dafür prägend sind und wer diese definiert, wie beständig solche Prinzipien auf Dauer sind und welche Faktoren Einfluss auf das Strafrecht ausüben.

Auf­bau­end auf ei­ner Ein­führung in die prä­gen­den Prin­zi­pi­en der bei­den Rechts­ord­nun­gen un­ter­sucht die Stu­die in sie­ben Tei­len Grenz­be­rei­che, in de­nen das Straf­recht auf an­de­re Rechts­ge­bie­te trifft oder wo fak­ti­sche Schran­ken sei­ner Leis­tungs­fähig­keit sicht­bar wer­den. Da­bei geht es um das Ver­hält­nis des Straf­rechts zum Zi­vil-­, Ver­wal­tungs-­ und Wirt­schafts-­ und zum Me­di­zin­recht, um sei­ne Rol­le im Be­reich des Ter­ro­ris­mus, sei­ne In­ter­ak­ti­on mit dem Recht der Nach­rich­ten­diens­te so­wie um al­ter­na­ti­ve Sank­ti­ons­re­gime. Aus der Ana­ly­se die­ser Grenz­be­rei­che wer­den an­schlie­ßend Schluss­fol­ge­run­gen zu den nor­ma­ti­ven und funk­tio­na­len Cha­rak­te­ris­ti­ka von Straf­recht in der eng­li­schen und in der deut­schen Rechts­ord­nung ge­bil­det. Zen­tral für die Aus­sa­ge­kraft der Un­ter­su­chung ist ihr rechts­ver­glei­chen­der An­satz: Mit Eng­land und Deutsch­land wer­den zwei in vie­ler­lei Hin­sicht überaus un­ter­schied­li­che Rechts­ord­nun­gen un­ter­sucht.

Da­bei zeigt sich, dass die­se Cha­rak­te­ris­ti­ka viel­fach dy­na­misch sind. Be­stimm­te dog­ma­ti­sche und ver­fas­sungs­recht­li­che Prin­zi­pi­en er­wei­sen sich ins­be­son­de­re im Straf­recht Deutsch­lands auf lan­ge Sicht viel­fach als sehr wand­lungs­fä­hig und po­li­tisch dis­po­ni­bel. So­weit funk­tio­na­le Er­war­tun­gen an das Straf­recht mit sei­ner Leis­tungs­fähig­keit kol­li­die­ren, führt dies zwar mit­ un­ter zu ei­ner Aus­wei­tung staat­li­cher Kon­trol­le auf an­de­re Rechts­re­gime, re­gel­mäßig aber auch zu ei­ner zu­min­dest fak­ti­schen In­fra­ge­stel­lung von für das Straf­recht bis­her cha­rak­te­ris­ti­schen Prin­zi­pi­en. Die­se Be­ob­ach­tun­gen führen zu zwei über­ge­ord­ne­ten Er­kennt­nis­sen. Ei­ner­seits zeigt ge­ra­de der Ver­gleich zwi­schen dem eng­li­schen und dem deut­schen Recht, dass ei­ne stark durch Prin­zi­pi­en de­fi­nier­te Straf­rechts­kul­tur Ge­fahr läuft, den po­li­ti­schen Cha­rak­ter von Straf­jus­tiz un­zu­rei­chend zu re­flek­tie­ren und da­her der in­sti­tu­tio­nel­len Rea­li­tät der Straf­ver­fol­gungs­pra­xis nicht aus­rei­chend Auf­merk­sam­keit zu wid­men. An­de­rer­seits wird aber auch deut­lich, dass straf­recht­li­che Prin­zi­pi­en – un­ab­hängig von ih­rem ver­fas­sungs­recht­li­chen Sta­tus – ein un­ver­zicht­ba­res Bin­de­glied zwi­schen der mo­ra­li­schen Pra­xis ei­ner Ge­sell­schaft und staat­li­cher Straf­jus­tiz bil­den und da­her für die Le­gi­ti­ma­ti­on des Straf­rechts im de­mo­kra­ti­schen Rechts­staat un­ver­zicht­bar sind, auch wenn sie in­fol­ge ge­sell­schaft­li­cher Ve­rände­run­gen nicht von Dau­er sein können. Die­se Er­kennt­nis­se un­ter­strei­chen ge­ra­de im eu­ro­päischen Kon­text die an­dau­ern­de gro­ße Not­wen­dig­keit ei­ner straf­rechts­wis­sen­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit straf­recht­li­chen Zu­rech­nungs­maßstäben, um die Ge­setz­ge­bung mit Blick auf au­ßer­halb des Rechts vor­ge­fun­de­ne Ge­rech­tig­keits­maßstäbe zu kon­kre­ti­sie­ren und zu be­gren­zen. Das eng­li­sche Recht sen­si­bi­li­siert ins­be­son­de­re für die ho­he Ak­tua­li­tät der Kon­k­re­ti­sie­rung straf­recht­li­cher Grund­ka­te­go­ri­en wie et­wa der der Le­gi­ti­mi­tät von Schutz­gütern, des Schuld­prin­zips und der Ver­fah­rens­fair­ness.

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