Das Projekt beschäftigt sich im Rahmen eines Gutachtens zum 69. Deutschen Juristentag mit der Grundlagenfrage, wie das Recht an die neuen spezifischen Herausforderungen der globalen Informations- und Risikogesellschaft anzupassen ist. Es richtet sich dabei vor allem auf die Reform des deutschen Rechts, aber auch auf die Normen der Europäischen Union und anderer internationaler Akteure.

Straf­ta­ten im In­ter­net stel­len ein exis­ten­ti­el­les Ri­si­ko für die mo­der­ne In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft dar. Zen­tra­le Be­dro­hun­gen sind An­grif­fe ge­gen die In­te­gri­tät von Com­pu­ter­sys­te­men, ins­be­son­de­re Hacking, Ma­ni­pu­la­ti­on und Zer­stö­rung von Da­ten so­wie die Ver­brei­tung von Schad­soft­wa­re und un­be­rech­tig­tes Er­lan­gen von Zu­gangs­da­ten. Die in­for­ma­ti­ons­tech­ni­sche In­fra­struk­tur der mo­der­nen Ge­sell­schaft ist da­bei in be­son­de­rem Ma­ße durch welt­weit agie­ren­de Tä­ter über das In­ter­net an­greif­bar. Die Si­tua­ti­on wird zu­sätz­lich da­durch ver­schärft, dass die Ge­sell­schaft zu viel Ver­trau­en in die In­te­gri­tät ih­rer in­for­ma­ti­ons­tech­ni­schen Sys­te­me hat. Die­se De­lik­te sind schon seit Lan­gem kei­ne Spie­le­rei­en ju­gend­li­cher Ha­cker mehr, son­dern ge­fähr­den in­zwi­schen ele­men­ta­re Grund­la­gen der Wirt­schaft, der Ver­wal­tung und des pri­va­ten Sek­tors, die von ei­ner si­che­ren Da­ten­ver­ar­bei­tung und Da­ten­kom­mu­ni­ka­ti­on hoch­gra­dig ab­hän­gig sind. Dies gilt für die Com­pu­ter von Un­ter­neh­men, die In­for­ma­ti­ons­tech­nik im öf­fent­li­chen Sek­tor und den PC ei­nes je­den In­ter­n­et­nut­zers; es be­trifft Com­pu­ter­sys­te­me von Ban­ken, Pro­duk­ti­ons­un­ter­neh­men, Ver­wal­tung und Mi­li­tär ge­nau­so wie die von Kern­kraft­wer­ken, Kran­ken­häu­sern und Flug­zeu­gen.

Die Ri­si­ken der mo­der­nen In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie ge­hen je­doch über die­sen Aspekt der In­te­gri­tät von Com­pu­ter­sys­te­men hin­aus. Das große Vo­lu­men der von Staat und Wirt­schaft ge­spei­cher­ten per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten, ihr ho­her kom­mer­zi­el­ler Wert und das weit­rei­chen­de Über­wa­chungs­po­ten­ti­al der mo­der­nen In­for­ma­ti­ons­tech­nik be­dro­hen auch die Pri­vat­sphä­re der Bür­ger in fun­da­men­ta­ler Wei­se. Il­le­ga­le In­hal­te im In­ter­net füh­ren eben­falls zu er­heb­li­chen Ri­si­ken: Da­ten kön­nen im Cy­ber­space schnell, mas­sen­haft und welt­weit ver­brei­tet wer­den, oh­ne dass bis­her ei­ne wirk­sa­me na­tio­nal­staat­li­che Kon­trol­le mög­lich ist. Die Kon­troll­pro­ble­me von Da­ten zei­gen sich wei­ter bei mas­sen­haft be­gan­ge­nen Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen, beim grenz­über­schrei­ten­den Glückss­piel, beim il­le­ga­len Ver­trieb von Pro­duk­ten so­wie bei ter­ro­ris­ti­scher oder ex­tre­mis­ti­scher Wer­bung im In­ter­net. Große prak­ti­sche Be­deu­tung hat das In­ter­net zu­dem als Tat­werk­zeug bei klas­si­schen De­lik­ten wie Be­trug. An­ony­mi­tät und trans­na­tio­na­le Ak­ti­ons­mög­lich­kei­ten im glo­ba­len Cy­ber­space er­leich­tern häu­fig die Tat­aus­füh­rung und er­schwe­ren die Straf­ver­fol­gung. Die Leis­tungs­fä­hig­keit des In­ter­nets führt je­doch auch zu neu­en Über­wa­chungs- und Kon­troll­mög­lich­kei­ten, wel­che die Prä­ven­ti­on und Re­pres­si­on von Straf­ta­ten ver­bes­sern kön­nen.

Das Gut­ach­ten zielt auf die Re­form des gel­ten­den Rechts: Es soll die Not­wen­dig­keit ei­nes um­fas­sen­den Re­for­man­sat­zes ver­deut­li­chen, die re­le­van­ten Re­form­pro­ble­me auf­zei­gen und ge­eig­ne­te Lö­sungs­vor­schlä­ge ent­wi­ckeln. Es rich­tet sich vor al­lem auf die Re­form des deut­schen Rechts, aber auch auf die Nor­men der eu­ro­päi­schen Uni­on und an­de­rer in­ter­na­tio­na­ler Ak­teu­re. Ge­gen­stand der Ana­ly­se sind da­bei vor al­lem das ma­te­ri­el­le Straf­recht, das Straf­pro­zess­recht, das Ge­fah­ren­vor­sor­ge­recht und das Recht der in­ter­na­tio­na­len Straf­rechts­ko­or­di­na­ti­on. Hin­ter die­ser pra­xis­ori­en­tier­ten Re­for­ma­gen­da steht die wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen­fra­ge, wie das Recht an die neu­en spe­zi­fi­schen Her­aus­for­de­run­gen der glo­ba­len In­for­ma­ti­ons- und Ri­si­ko­ge­sell­schaft an­zu­pas­sen ist. Dem Gut­ach­ten liegt in­so­weit die Hy­po­the­se zu­grun­de, dass ein in­for­ma­ti­onss­pe­zi­fi­scher Re­for­man­satz in vie­len Fäl­len so­wohl die Ef­fek­ti­vi­tät der Straf­ver­fol­gung als auch den Schutz der Frei­heits­rech­te op­ti­mie­ren und den Aus­gleich zwi­schen den bei­den häu­fig mit­ein­an­der kol­li­die­ren­den Zie­len des Si­cher­heits­rechts we­sent­lich ver­bes­sern kann.

Die Be­stands­auf­nah­me und die Re­for­m­über­le­gun­gen des Gut­ach­tens be­ru­hen auf kri­mi­no­lo­gi­schen, rechts­ver­glei­chen­den und rechts­dog­ma­ti­schen Me­tho­den: Die Ba­sis der Un­ter­su­chung bil­det ei­ne em­pi­risch-kri­mi­no­lo­gi­sche Ana­ly­se, die einen Über­blick über die ein­schlä­gi­gen De­lik­te, vor al­lem ih­re Phä­no­me­no­lo­gie und ih­re Straf­ver­fol­gung(spro­ble­me) gibt. Ei­ne dar­an an­schlie­ßen­de rechts­ver­glei­chen­de Un­ter­su­chung stellt ne­ben den deut­schen Re­ge­lun­gen auch in­ter­na­tio­na­le Lö­sungs­an­sät­ze dar, die bis­lang von ver­schie­de­nen In­sti­tu­tio­nen ent­wi­ckelt wur­den. Rechts­dog­ma­tik und Rechts­po­li­tik un­ter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung der Cha­rak­te­ris­ti­ka des In­for­ma­ti­onss­traf­rechts sind so­dann die zen­tra­len Me­tho­den des ab­schlie­ßen­den rechts-po­li­ti­schen Teils, bei dem es um die Ent­wick­lung sys­te­ma­ti­scher Lö­sungs­an­sät­ze geht, die den Be­son­der­hei­ten des In­for­ma­ti­onss­traf­rechts so­wie der elek­tro­ni­schen In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik Rech­nung tra­gen.