Obwohl das JGG im Rahmen der Reform im Jahre 1990 durch das 1. JGGÄndG modifiziert wurde, ging die Debatte um die Reform des Jugendstrafrechts weiter und bildet in jüngster Zeit vor dem Hintergrund der Entwicklungen der Kinder- und Jugendkriminalität wieder zunehmend einen Schwerpunkt des rechtspolitischen Interesses (vgl. dazu insbesondere “Ist das deutsche Jugendstrafrecht noch zeitgemäß?” - Gutachten für den 64. Deutschen Juristentag erstattet von Herrn Prof. Dr. H.-J. Albrecht; weitere Info s.u. Publikationen).

Im Rah­men des ju­gend­straf­recht­li­chen Sank­tio­nen­sys­tems wur­de durch die Mo­di­fi­ka­ti­on von Nor­men des JGG im Zu­ge der Re­form des Jah­res 1990 die Mög­lich­keit er­wei­tert, Kon­zep­te der Di­ver­si­on an­zu­wen­den. Da­bei sind An­sät­ze, für jun­ge Men­schen mög­li­che schäd­li­che Ne­ben­wir­kun­gen von förm­li­chen Straf­ver­fah­ren und förm­li­cher Ver­ur­tei­lung, ins­be­son­de­re stig­ma­ti­sie­ren­de und ent­so­zia­li­sie­ren­de Ef­fek­te, auf ein Min­dest­maß zu be­gren­zen, nicht erst im Ge­fol­ge der Di­ver­si­ons­dis­kus­si­on zum Tra­gen ge­kom­men; viel­mehr ent­spre­chen die mit Di­ver­si­on in spe­zi­al­prä­ven­ti­ver Hin­sicht ver­bun­de­nen Er­war­tun­gen in­halt­lich auch den Ziel­vor­stel­lun­gen der Ge­setz­ge­ber der Ju­gend­ge­richts­ge­set­ze von 1923, 1943 und 1953 (vgl. Wolf­gang Heinz (1992): Di­ver­si­on im Ju­gend­straf­ver­fah­ren der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Bonn, S. 15 mit wei­te­ren Nach­wei­sen).

Aus­gangs­punkt für den stei­gen­den Ein­satz von Di­ver­si­ons­kon­zep­ten ist ei­ne zu­neh­men­de Skep­sis be­züg­lich der Wir­kun­gen straf­recht­li­cher Sank­tio­nen und ins­be­son­de­re die kri­mi­no­lo­gi­sche Er­kennt­nis, dass ein­griff­sin­ten­si­ven und vor al­lem den sta­tio­nären Sank­tio­nen des Straf­rechts in spe­zi­al­prä­ven­ti­ver Hin­sicht kei­ne po­si­ti­ven, son­dern eher schäd­li­che Wir­kun­gen zu­zu­schrei­ben sind. Des Wei­te­ren lag die kri­mi­no­lo­gi­sche Ein­sicht zu­grun­de, dass Kri­mi­na­li­tät im Ju­gend­al­ter meist nicht In­diz für ein er­zie­he­ri­sches De­fi­zit ist, son­dern über­wie­gend als ent­wick­lungs­be­ding­te Auf­fäl­lig­keit mit dem Ein­tritt in das Er­wach­se­nen­al­ter ab­klingt und sich nicht wie­der­holt.

Mit dem Pro­jekt wur­de die prak­ti­sche An­wen­dung so­wie die Ver­tei­lung und Ent­wick­lung der ju­gend­straf­recht­li­chen Sank­tio­nen durch die Ge­rich­te in Ba­den-Würt­tem­berg seit En­de der 80er Jah­re vor dem Hin­ter­grund der nor­ma­ti­ven Er­war­tun­gen der Ge­set­zes­än­de­rung, so­wie die Wir­kung der staat­li­chen Re­ak­ti­on auf das wei­te­re Ver­hal­ten der auf­fäl­li­gen Ju­gend­li­chen in ih­rem Le­bens­lauf em­pi­risch un­ter­sucht und der Rück­falls­ver­lauf nach ei­ner for­mel­len bzw. in­for­mel­len Re­ak­ti­on de­tail­liert ana­ly­siert.

Die Ana­ly­se er­folg­te un­ter Nut­zung der Da­ten der Ko­hor­ten­stu­die zur Ent­wick­lung po­li­zei­lich re­gis­trier­ter Kri­mi­na­li­tät und straf­recht­li­cher Sank­tio­nie­rung des Max-Planck-In­sti­tu­tes für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht in Frei­burg. Un­ter­sucht wur­den die fünf Ko­hor­ten der Ge­burts­jahr­gän­ge 1970, 1973, 1975, 1978 und 1985. Mit­tels der dort ge­won­ne­nen Längs­schnitt­da­ten ist es mög­lich, im Le­bens­lauf der Ju­gend­li­chen so­wohl vor­an­ge­gan­ge­ne Auf­fäl­lig­kei­ten an­hand po­li­zei­li­cher Re­gis­trie­run­gen des Ver­fah­rens­aus­gangs zu do­ku­men­tie­ren als auch an­hand der Da­ten aus dem Bun­des­zen­tral­re­gis­ter die Art der staat­li­chen Re­ak­ti­on und das sich dar­an an­schlie­ßen­de Ver­hal­ten im wei­te­ren Ver­lauf des Le­bens der auf­fäl­lig ge­wor­de­nen Per­son zu un­ter­su­chen.


Un­ter­such­te Fra­ge­stel­lun­gen:

Ins­be­son­de­re wer­den durch das Pro­mo­ti­ons­pro­jekt fol­gen­de Fra­ge­stel­lun­gen eva­lu­iert:

  • Be­ste­hen si­gni­fi­kan­te Un­ter­schie­de im Hin­blick auf die Le­gal­be­wäh­rungs­ra­te nach ei­ner in­for­mel­len bzw. for­mel­len Sank­ti­on?
  • Exis­tie­ren Un­ter­schie­de zwi­schen den ein­zel­nen Un­ter­su­chungs­pe­ri­oden (Ko­hor­ten)?
  • Gibt es de­likt­ss­pe­zi­fi­sche, ge­schlechts­s­pe­zi­fi­sche, na­tio­na­li­täts­s­pe­zi­fi­sche oder re­gio­na­le Un­ter­schie­de?
  • Be­steht ein si­gni­fi­kan­ter Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Zei­t­in­ter­vall der Le­gal­be­wäh­rung und der vor­an­ge­gan­ge­nen Sank­ti­ons­form?
  • Ver­sto­ßen die un­ter­such­ten Ju­gend­li­chen im Fal­le ei­ner er­neu­ten Re­gis­trie­rung wie­der ge­gen das­sel­be De­likt und gibt es in­so­weit Un­ter­schie­de zwi­schen den for­mell und in­for­mell sank­tio­nier­ten Ju­gend­li­chen?
  • Be­steht ein Zu­sam­men­hang hin­sicht­lich der Län­ge des In­ter­valls zwi­schen der Ein­gangs­straf­tat und der jus­ti­zi­el­len Re­ak­ti­on und der Le­gal­be­wäh­rung, ins­be­son­de­re, ver­bes­sert ein kür­ze­res Re­ak­ti­ons­in­ter­vall die Le­gal­be­wäh­rung?

We­sent­li­che Er­geb­nis­se:

Ins­ge­samt über­wiegt bei den un­ter­such­ten 14-15-Jäh­ri­gen der An­teil der in­for­mel­len Sank­tio­nen mit 73 % über al­le Ko­hor­ten deut­lich den An­teil der for­mel­len Sank­tio­nen (27 %). Da­bei er­folgt im Zeit­ver­lauf ei­ne zu­neh­men­de Ver­än­de­rung der Sank­ti­ons­pra­xis hin zu den in­for­mel­len Sank­tio­nen. Ent­spre­chend nimmt der An­teil der in­for­mel­len Sank­tio­nen aus­ge­hend von dem Wert 57 % bei der Ko­hor­te 70 (1984/85) über die Ko­hor­ten bis auf den Wert 82 % bei der Ko­hor­te 78 (1992/93) zu und bleibt da­nach im We­sent­li­chen gleich.

Abbildung 1: Anteil der formellen versus informellen Sanktionierungen der vorliegend untersuchten Jugendlichen hinsichtlich der ersten Registrierung - unterschieden nach Kohorte

Ab­bil­dung 1: An­teil der for­mel­len ver­sus in­for­mel­len Sank­tio­nie­run­gen der vor­lie­gend un­ter­such­ten Ju­gend­li­chen hin­sicht­lich der ers­ten Re­gis­trie­rung - un­ter­schie­den nach Ko­hor­te


Von den for­mel­len Re­gis­trie­run­gen sind ins­ge­samt - oh­ne ei­ne Un­ter­schei­dung nach Ko­hor­ten vor­zu­neh­men - et­wa 43 % Zucht­mit­tel. Bei ei­nem knap­pen Drit­tel der Fäl­le er­gin­gen Er­zie­hungs­maß­re­geln. In 23 % der Fäl­le wur­de ei­ne Kom­bi­na­ti­on von Er­zie­hungs­maß­re­geln und Zucht­mit­teln als ge­eig­net an­ge­se­hen, bei den ver­blei­ben­den Fäl­len wur­de ei­ne un­be­ding­te Ju­gend­stra­fe bzw. ei­ne Ju­gend­stra­fe mit Be­wäh­rung oder ein Schuld­spruch aus­ge­spro­chen.

Durch­schnitt­lich über al­le Ko­hor­ten er­gin­gen Ent­schei­dun­gen nach § 47 JGG in 23 % und Ent­schei­dun­gen nach § 45 JGG in 77 % der ins­ge­samt re­gis­trier­ten Fäl­le. Ob­wohl der An­teil der Maß­nah­men nach § 47 JGG über die Ko­hor­te 73 zu­nächst leicht zu­nimmt, zeigt sich im Ver­gleich der Ko­hor­ten 70 und 78 je­doch ein deut­li­cher Rück­gang die­ser Maß­nah­men um et­wa 20 %. Dement­spre­chend steigt der re­la­ti­ve An­teil der staats­an­walt­schaft­li­chen Sank­tio­nen be­zo­gen auf die Ge­samt­zahl der Re­gis­trie­run­gen auf 85 % bei der Ko­hor­te 78 an und bleibt da­nach in et­wa kon­stant.

Von den 25.315 un­ter­such­ten Per­so­nen sind in­ner­halb des Un­ter­su­chungs­zeit­rau­mes von 2 Jah­ren 18.235 (72 %) nicht er­neut re­gis­triert wor­den; 7.080 Per­so­nen (28 %) wei­sen min­des­tens ei­ne er­neu­te Re­gis­trie­rung auf. Die­ses pro­zen­tua­le Ver­hält­nis zwi­schen er­neut bzw. nicht er­neut re­gis­trier­ten Ju­gend­li­chen än­dert sich im Ver­gleich der un­ter­such­ten Pe­ri­oden nicht we­sent­lich (um ma­xi­mal 3 %), ob­wohl die Sank­ti­ons­prä­fe­renz nicht un­er­heb­li­che Ab­wei­chun­gen (Ver­än­de­run­gen um 24 %) im Ver­gleich der Pe­ri­oden auf­weist.

Abbildung 2: Legalbewährungsrate der vorliegend untersuchten Jugendlichen - insgesamt und unterschieden nach Kohorte

Ab­bil­dung 2: Le­gal­be­wäh­rungs­ra­te der vor­lie­gend un­ter­such­ten Ju­gend­li­chen - ins­ge­samt und un­ter­schie­den nach Ko­hor­te


Der Ver­gleich der Le­gal­be­wäh­rungs­ra­te in Ab­hän­gig­keit von der Sank­ti­on zeig­te, dass der An­teil der nicht er­neut re­gis­trier­ten Ju­gend­li­chen, bei wel­chen ei­ne in­for­mel­le Sank­ti­on vor­aus­ge­gan­gen ist, über al­le Pe­ri­oden mit durch­schnitt­lich et­wa 75 % über dem An­teil der nicht er­neut re­gis­trier­ten Ju­gend­li­chen liegt, wel­che for­mell sank­tio­niert wur­den (durch­schnitt­lich et­wa 63 %). Die auf­ge­zeig­ten Un­ter­schie­de in der Le­gal­be­wäh­rungs­ra­te in Ab­hän­gig­keit von der Sank­ti­on wa­ren über al­le Ko­hor­ten si­gni­fi­kant. Der Zu­sam­men­hang ist je­doch eher schwach aus­ge­prägt (V = 0,12).

Bei den for­mel­len Maß­nah­men ist die un­be­ding­te Ju­gend­stra­fe mit der schlech­tes­ten Le­gal­be­wäh­rungs­ra­te ver­bun­den (30 %). Durch­schnitt­lich - oh­ne ei­ne Un­ter­schei­dung nach Ko­hor­ten zu tref­fen - er­ziel­ten die Sank­tio­nen der Ju­gend­stra­fe mit Be­wäh­rung und des Schuld­spruchs ei­ne deut­lich nied­ri­ge­re Le­gal­be­wäh­rungs­ra­te (48 % und 45 %) als die Zucht­mit­tel, Er­zie­hungs­maß­re­geln bzw. die Kom­bi­na­tio­nen die­ser Maß­nah­men (63 %, 65 % und 63 %). Der An­teil der nicht er­neut re­gis­trier­ten Ju­gend­li­chen, die mit ei­nem Zucht­mit­tel sank­tio­niert wur­den, geht im Ver­gleich der Ko­hor­ten 70/73 und der Ko­hor­ten 75/78/85 um et­wa 8 % zu­rück. Ei­ne ähn­li­che Ver­än­de­rung zeigt sich auch bei den Er­zie­hungs­maß­re­geln.

Bei den in­for­mel­len Sank­tio­nen war im Hin­blick auf die staats­an­walt­schaft­li­chen Maß­nah­men nach § 45 JGG durch­weg über al­le Pe­ri­oden ei­ne hö­he­re Le­gal­be­wäh­rung (durch­schnitt­lich et­wa 3 %) als bei den ge­richt­li­chen Ein­stel­lun­gen zu be­ob­ach­ten (§ 47 JGG), wo­bei al­ler­dings auch Un­ter­schie­de in der De­likt­ss­truk­tur be­stan­den. Die­ser Un­ter­schied ist zwar si­gni­fi­kant; für das Zu­sam­men­hangs­maß V er­rech­net sich aber mit 0,03 ein so ge­rin­ger Wert, dass ein Zu­sam­men­hang zwi­schen der Le­gal­be­wäh­rungs­ra­te und der Art der in­for­mel­len Ein­stel­lung als ver­nach­läs­sig­bar ge­ring an­ge­se­hen wer­den kann. Für die Le­gal­be­wäh­rung ist es da­mit un­er­heb­lich, ob die Ein­stel­lung durch das Ge­richt oder die Staats­an­walt­schaft er­folgt. Im Ver­gleich der ein­zel­nen Pe­ri­oden sind die re­la­ti­ven An­tei­le der nicht er­neut re­gis­trier­ten Ju­gend­li­chen im Zeit­ver­lauf leicht rück­läu­fig. Bei den Maß­nah­men nach § 45 JGG geht die Le­gal­be­wäh­rungs­ra­te mit Schwan­kun­gen um et­wa 4 % zu­rück, bei den Maß­nah­men nach § 47 JGG er­folgt ein Rück­gang um et­wa 5 %.