Untersucht werden die Grenzen des Strafrechts, hinsichtlich seiner identitätsstiftenden Funktion und seiner Steuerungsfähigkeit von Gesellschaft. Feststellungen zur Funktion von Strafe im Allgemeinen sind bereits bei Emile Durkheim zu finden. Mit Blick auf die Rolle staatlichen Strafrechts fehlte es jedoch an Untersuchungen. Vor allem auch angesichts einer zusammenrückenden Welt, in der unterschiedliche Kulturen in einem staatlichen Raum zusammentreffen, ist diese Forschungslücke zu schließen.

Ver­gel­tung, Me­dia­ti­on und Stra­fe (span. Re­ta­lia­ción, Me­dia­ción, Pu­ni­ción = RE­MEP) sind drei grund­le­gen­de Ar­ten staat­li­cher und so­zia­ler In­ter­ven­ti­on, um auf ge­sell­schaft­lich miss­bil­lig­tes Ver­hal­ten zu rea­gie­ren. For­schungs­ge­gen­stand des Pro­jekts RE­MEP-La­tein­ame­ri­ka ist der Ein­satz die­ser drei In­ter­ven­ti­ons­ar­ten in La­tein­ame­ri­ka am Bei­spiel von Kon­flik­ten, die auf der recht­li­chen bzw. so­zia­len Aus­gren­zung we­gen ei­ner Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit be­ru­hen. Im Mit­tel­punkt des For­schungs­in­ter­es­ses ste­hen da­bei drei Kon­flikt­ty­pen: (1) Kon­flik­te, die durch die eth­ni­sche Her­kunft ge­prägt sind; (2) Kon­flik­te, die einen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund ha­ben; (3) Kon­flik­te, die auf der Zu­ge­hö­rig­keit ei­ner als kri­mi­nel­ler Ge­gen­ent­wurf zur staat­li­chen bzw. so­zia­len Ord­nung de­fi­nier­ten Un­ter­neh­mung be­ru­hen (Ju­gend­ban­den, Auf­stän­di­sche, "Staats­kri­mi­na­li­tät").

Ziel des For­schungs­pro­jekts ist es, die Rol­le von RE­MEP bei der Ent­ste­hung bzw. der In­ter­ven­ti­on ge­sell­schaft­li­cher Kon­flik­te in La­tein­ame­ri­ka zu er­klä­ren, die auf der Her­stel­lung ei­ge­ner Iden­ti­tät durch Aus­gren­zung an­de­rer be­ru­hen. For­schungs­lei­tend da­für sind die fol­gen­den vier Hy­po­the­sen: (1) Der Ein­satz von RE­MEP be­ruht im We­sent­li­chen auf den Macht­ver­hält­nis­sen; (2) un­ter ho­ri­zon­ta­len Macht­ver­hält­nis­sen über­wie­gen Ver­gel­tung und Me­dia­ti­on; (3) un­ter ver­ti­ka­len Macht­ver­hält­nis­sen über­wiegt Be­stra­fung; (4) Die drit­te Hy­po­the­se trifft auch dann zu, wenn es um die Re­ak­ti­on auf einen Kon­flikt geht, der un­ter ho­ri­zon­ta­len Macht­ver­hält­nis­sen ent­stan­den ist.

Me­tho­disch wird in drei Schrit­ten vor­ge­gan­gen. In ei­nem ers­ten Schritt wird der Kon­flikt an­hand sei­ner Ent­ste­hungs­be­din­gun­gen, sei­ner spe­zi­fi­schen iden­ti­täts­s­tif­ten­den Merk­ma­le und Macht­kon­stel­la­tio­nen er­klärt. Ins­be­son­de­re ist her­aus­zu­stel­len, wie­weit der Kon­flikt wert­be­zo­gen ist bzw. auf ein Pro­blem der Res­sour­cen­ver­tei­lung zu­rück­zu­füh­ren ist. In ei­nem zwei­ten Schritt ist zu er­klä­ren, wie RE­MEP zur Kon­flik­t­in­ter­ven­ti­on von den Ak­teu­ren ein­ge­setzt wird und wel­che der In­ter­ven­ti­ons­ar­ten da­bei über­wiegt. In ei­nem drit­ten und letz­ten Schritt ist ab­schlie­ßend das ge­wähl­te In­ter­ven­ti­ons­mo­dell zu Her­stel­lung und Auf­recht­er­hal­tung von Iden­ti­tät zu be­wer­ten. Die­ses For­schungs­kon­zept wird an­hand von Fall­stu­di­en aus Ar­gen­ti­ni­en, Bo­li­vi­en, Bra­si­li­en, Chi­le, Costa Ri­ca, El Sal­va­dor, Ko­lum­bi­en, Me­xi­ko, Pe­ru und Uru­guay von ei­ner in­ter­dis­zi­pli­nären For­schungs­grup­pe be­ste­hend aus la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Straf­recht­lern, Kri­mi­no­lo­gen, Ver­fas­sungs­recht­lern, So­zio­lo­gen, Rechts­his­to­ri­kern und An­thro­po­lo­gen um­ge­setzt. Die Pro­jekt­spra­che ist Spa­nisch.

Un­ter straf­recht­li­chen Ge­sichts­punk­ten leis­tet das For­schungs­pro­jekt einen Bei­trag zum Ver­ständ­nis, un­ter wel­chen Be­din­gun­gen die staat­li­che In­ter­ven­ti­on auch und vor al­lem mit den Mit­teln des Straf­rechts ge­sell­schaft­li­che Iden­ti­tät be­stä­tigt (G. Ja­kobs) und wo die Gren­zen die­ser Funk­ti­on lie­gen. Un­ter kri­mi­no­lo­gi­schen Ge­sichts­punk­ten wird die re­la­ti­ve Rol­le von staat­li­cher Stra­fe bei der Her­stel­lung so­zia­ler Ord­nung durch den Schwer­punkt auf Kon­flik­te ge­gen­über an­de­ren ver­deut­licht. Un­ter bei­den Ge­sichts­punk­ten wird durch die Kon­zen­tra­ti­on auf den la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Raum die Grund­la­ge da­für ge­legt, in kom­pa­ra­ti­ven Stu­di­en die Reich­wei­te der Er­klä­run­gen zu un­ter­su­chen.