Die verschiedenen Erscheinungsformen krimineller Kollektive stellen das Strafrecht vor große Herausforderungen. Antworten darauf können in den traditionellen Modellen der Teilnahme an einer kriminellen Vereinigung und "Conspiracy" gefunden werden. Das Forschungsvorhaben zeigt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser beiden Modelle und erklärt, wie diese in internationalen Rechtsfiguren kombiniert und ihre Elemente in die Gesetzgebung von Schwellenländern transferiert worden sind.

Das Straf­recht wur­de ur­sprüng­lich ent­wi­ckelt, um auf Straf­ta­ten von In­di­vi­du­en zu rea­gie­ren. Die Be­son­der­heit heu­ti­ger Straf­ta­ten liegt je­doch ge­ra­de dar­in, dass Ta­ten im­mer häu­fi­ger auch in ei­nem Kol­lek­tiv aus­ge­führt wer­den. Die va­ri­ie­ren­den or­ga­ni­sa­to­ri­schen Struk­tu­ren die­ser Kol­lek­ti­ve so­wie de­ren man­nig­fal­ti­ge Stra­te­gi­en, sich ab­zu­schot­ten und den­noch ef­fi­zi­ent zu ar­bei­ten, stel­len das tra­di­tio­nel­le Straf­recht vor neue, große Her­aus­for­de­run­gen.

Die Her­aus­for­de­run­gen lie­gen ins­be­son­de­re dar­in, dass es sich bei den­je­ni­gen, die ein (grup­pen­spe­zi­fi­sches) Ver­bre­chen un­mit­tel­bar be­ge­hen, nicht zwangs­läu­fig um die ei­gent­lich ver­ant­wort­li­chen Per­so­nen han­deln muss. Dies be­deu­tet, dass die straf­recht­li­che Er­fas­sung von ver­bre­che­risch aus­ge­rich­te­ten Per­so­nen­zu­sam­menschlüs­sen vor al­lem den Be­griff der Ar­beits­tei­lig­keit ent­hal­ten muss: Ein­zel­ne Per­so­nen un­ter­stüt­zen die Ar­beit der Grup­pe et­wa nur lo­gis­tisch, an­de­re steu­ern nur ihr be­son­de­res Fach­wis­sen bei oder wer­den auf sons­ti­ge spe­zi­fi­sche Wei­se für die kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung oder ei­ne kri­mi­nel­le Ver­ab­re­dung/ Ver­schwö­rung (con­spi­ra­cy) tä­tig. Zu­dem wird ge­mein­hin an­ge­nom­men, dass ein kol­lek­tiv be­gan­ge­nes (ge­plan­tes) Ver­bre­chen ge­fähr­li­cher ist als das Han­deln von Ein­zel­tä­tern. Die­se Ein­schät­zung ist durch­aus zu hin­ter­fra­gen; sie hat je­den­falls da­zu ge­führt, dass die tra­di­tio­nel­len Vor­feld­de­lik­te mitt­ler­wei­le als un­zu­rei­chend gel­ten, um die­se er­höh­te Ge­fähr­lich­keit zu er­fas­sen.

We­gen ih­rer si­gni­fi­kan­ten kon­zep­tio­nel­len Un­ter­schie­de wer­den die Be­tei­li­gungs­re­geln und Or­ga­ni­sa­ti­ons­de­lik­te so­wohl auf eu­ro­päi­scher (EU) als auch auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne (UN) kom­bi­niert. Auf die­se Wei­se ent­ste­hen in­ter­na­tio­na­le Mo­del­le der Teil­nah­me an ei­ner kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung und der Ver­ab­re­dung/Ver­schwö­rung. Rechts­po­li­ti­sches Ziel die­ser Ent­wick­lung ist die Im­ple­men­ta­ti­on der in­ter­na­tio­na­len Mo­del­le in Rechts­ord­nun­gen von Über­gangs­staa­ten, die sol­che In­stru­men­te selbst nicht her­aus­ge­bil­det ha­ben (Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na, Ser­bi­en und Kroa­ti­en). Hier­durch wird bezweckt, den Kampf ge­gen kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gun­gen so­wohl auf der na­tio­na­len als auch auf der in­ter­na­tio­na­len Ebe­ne zu er­leich­tern.

Die Un­ter­su­chung von zwei tra­di­tio­nel­len, zwei in­ter­na­tio­na­len und drei trans­na­tio­na­len Mo­del­len der Be­tei­li­gung an ei­ner kri­mi­nel­len Or­ga­ni­sa­ti­on und Ver­schwö­rung (con­spi­ra­cy) ver­folgt drei For­schungs­zie­le. Ers­tens sol­len die kon­sti­tu­ti­ven Ele­men­te je­des Mo­dells her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Zwei­tens soll die Über­tra­gung die­ser kon­sti­tu­ti­ven Ele­men­te von den tra­di­tio­nel­len auf die in­ter­na­tio­na­len Mo­del­le und von den in­ter­na­tio­na­len auf die trans­na­tio­na­len  Mo­del­le be­wer­tet wer­den. Drit­tens strebt das Pro­jekt einen Ver­gleich zwei­er tra­di­tio­nel­ler Mit­wir­kungs­mo­del­le an, bei dem an­hand der kon­sti­tu­ti­ven Ele­men­te die Ge­mein­sam­kei­ten und Un­ter­schie­de er­klärt wer­den sol­len.

Die we­sent­li­che Un­ter­su­chungs­me­tho­de, mit der die straf­recht­li­che Ge­setz­ge­bung von Deutsch­land, Eng­land, Wa­les, Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na, Kroa­ti­en, Ser­bi­en so­wie der EU und der UN ana­ly­siert wer­den, ist die nor­ma­ti­ve Ana­ly­se. Um ein bes­se­res Ver­ständ­nis so­wohl der Ent­wick­lung der ver­schie­de­nen Mo­del­le als auch der Aus­wir­kung des Trans­fers von Ele­men­ten zwi­schen den Mo­del­len zu er­lan­gen, wird ei­ne his­to­risch ori­en­tier­te Me­tho­de an­ge­wandt. Mit Hil­fe der Rechts­ver­glei­chung sol­len Ähn­lich­kei­ten und Un­ter­schie­de zwi­schen den recht­li­chen Lö­sun­gen der tra­di­tio­nel­len, in­ter­na­tio­na­len und trans­na­tio­na­len Mo­del­le ge­fun­den wer­den. Am En­de der Ar­beit wer­den die Er­geb­nis­se die­ses ab­strak­ten Ver­gleichs über­prüft. Hier­für soll ein hy­po­the­ti­scher Fall ent­wi­ckelt wer­den, an dem die recht­li­chen Un­ter­su­chun­gen un­ter dem Blick­win­kel der kon­sti­tu­ti­ven Ele­men­te der ein­zel­nen Mo­del­le durch­ge­führt wer­den.