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Projekt 'Möglichkeiten und Grenzen des Strafrechts bei Arzneimittelfälschungen' bearbeiten

Gefälschte Arzneimittel bedrohen Leben und Gesundheit ihrer Anwender. Sie sind damit weit mehr als nur Produktpiraterie gegenüber Originalherstellern. Das rechtsvergleichende Projekt erforscht, mit welchen Mitteln in unterschiedlicher Weise betroffene Länder den Arzneimittelsektor vor gefälschten Produkten schützen und wie sie einschlägige Straftaten zunehmend international agierender Täter bekämpfen. Dabei stellen sich Fragen nach den territorialen und den funktionalen Grenzen des Strafrechts.

Arz­nei­mit­tel­si­cher­heit ist ein wich­ti­ges ge­sund­heits­po­li­ti­sches An­lie­gen. Sie wird recht­lich durch um­fang­rei­che Re­ge­lun­gen über Her­stel­lung und Ver­trieb von Me­di­ka­men­ten ge­stützt, aber zu­neh­mend in in­ter­na­tio­na­len Di­men­sio­nen durch Her­stel­lung und In­ver­kehr­brin­gen ge­fälsch­ter Pro­duk­te ge­fähr­det. Die Fol­gen feh­len­der, falsch do­sier­ter oder gif­ti­ger In­gre­di­en­zi­en rei­chen von Wir­kungs­lo­sig­keit bei er­hoff­tem "Li­festy­le-Ef­fekt" bis zum Tod ah­nungs­lo­ser Pa­ti­en­ten. Der Ver­trieb ge­fälsch­ter Pro­duk­te über das In­ter­net ver­schärft die Pro­ble­ma­tik.

Im Rah­men die­ses rechts­ver­glei­chen­den Pro­jekts wur­de un­ter­sucht, wel­chen Bei­trag das Straf­recht bei der Be­kämp­fung von Arz­nei­mit­tel­fäl­schun­gen leis­ten kann und mit wel­chen spe­zi­fi­schen Schwie­rig­kei­ten es da­bei kon­fron­tiert ist. Die straf­recht­li­chen In­stru­men­te sind im Kon­text zu se­hen mit viel­fäl­ti­gen ad­mi­nis­tra­ti­ven Re­ge­lun­gen und Maß­nah­men, die dar­auf zie­len, Her­stel­lung und Ver­trieb ge­fälsch­ter Me­di­ka­men­te zu ver­hin­dern bzw. die Exis­tenz ge­fälsch­ter Arz­nei­mit­tel auf­zu­de­cken und zu­rück­zu­ver­fol­gen. Der Fo­kus des Pro­jekts lag je­doch auf der Funk­ti­on des Straf­rechts.

Ziel des Pro­jekts war es, das vor­han­de­ne straf­recht­li­che In­stru­men­ta­ri­um in ex­em­pla­risch aus­ge­wähl­ten Län­dern, die in un­ter­schied­li­cher Wei­se von dem Phä­no­men "Arz­nei­mit­tel­fäl­schung" be­trof­fen sind, zu ana­ly­sie­ren, hin­sicht­lich ih­rer Ef­fi­zi­enz zu be­wer­ten und ggf. Vor­schlä­ge zur Wei­ter­ent­wick­lung zu er­ar­bei­ten. Das Spek­trum der ein­be­zo­ge­nen Län­der reicht von In­dus­trie­na­tio­nen, in de­nen Pro­du­zen­ten fäl­schungs­re­le­van­ter Pro­duk­te be­hei­ma­tet sind, bis zu sol­chen Län­dern, de­ren Dis­tri­bu­ti­ons­sys­tem für die In­fil­tra­ti­on mit ge­fälsch­ten Pro­duk­ten be­son­ders an­fäl­lig ist. Aus­ge­wählt wur­den Ägyp­ten, Bra­si­li­en, Chi­na, Deutsch­land, Frank­reich, Grie­chen­land, In­di­en, Ni­ge­ria, Pa­ra­guay, Russ­land, Schweiz und die USA (insb. Ka­li­for­ni­en und Flo­ri­da). Ge­prüft wur­de ins­be­son­de­re, in­wie­weit (eher) die Rechts­la­ge oder (eher) die Pra­xis der Straf­ver­fol­gung "Schwach­stel­len" auf­weist. Da­her wur­de je nach Ver­füg­bar­keit auch die recht­stat­säch­li­che Si­tua­ti­on er­fasst. Ak­tu­el­le rechts­po­li­ti­sche Be­stre­bun­gen auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne (WHO, G8-Staa­ten) wur­den im Rah­men des Pro­jekts be­ob­ach­tet und ak­tiv wis­sen­schaft­lich un­ter­stützt.

Auf der Grund­la­ge ei­nes ein­heit­li­chen, vor­ab ent­wi­ckel­ten Pro­jekt­de­si­gns wur­den zu­nächst von Rechts­wis­sen­schaft­lern aus den je­wei­li­gen Län­dern Be­rich­te mit ei­ner Ana­ly­se von ein­schlä­gi­ger Ge­setz­ge­bung, Li­te­ra­tur und Recht­spre­chung so­wie – hin­sicht­lich ei­nes Teils der Län­der – mit Er­geb­nis­sen er­gän­zen­der Ex­per­ten­be­fra­gun­gen er­ar­bei­tet. Die­se Be­rich­te wur­den in ei­nem zwei­ten Schritt durch die Pro­jekt­lei­tung rechts­ver­glei­chend aus­ge­wer­tet.

Die Er­geb­nis­se zei­gen die Viel­falt der Be­ge­hungs­ar­ten und Er­schei­nungs­for­men mit un­ter­schied­li­cher kri­mi­nel­ler In­ten­si­tät, aber auch ei­ne be­trächt­li­che Va­ri­anz be­züg­lich der Re­ge­lungs­tech­nik der ein­schlä­gi­gen Straf­tat­be­stän­de. Ma­te­ri­ell­recht­li­che Straf­bar­keits­lücken kön­nen ins­be­son­de­re dort ent­ste­hen, wo für die Straf­bar­keit aus dem Fäl­schungs­de­likt die Ver­ur­sa­chung (min­des­tens) kon­kre­ter Ge­fah­ren für Le­ben und/oder Ge­sund­heit vor­aus­ge­setzt wird, da in­so­weit oft ein Nach­weis nicht ge­lingt. Tat­be­stand­li­che Dif­fe­ren­zie­run­gen zwi­schen ge­fälsch­ten und qua­li­täts­ge­min­der­ten ech­ten Arz­nei­mit­teln als Tat­ob­jekt wir­ken sich auf Rechts­fol­gen­sei­te je­den­falls bei vor­sätz­li­cher Tat­be­ge­hung kaum aus. Die vor­ge­se­he­nen Sank­tio­nen rei­chen von Geld­stra­fe bzw. Frei­heits­s­tra­fe mit oder oh­ne Be­wäh­rung bis – in Ex­trem­fäl­len – zur To­dess­tra­fe. Teil­wei­se kom­men auch Scha­denser­satz­an­sprü­che mit Straf­cha­rak­ter bzw. Geld­stra­fen mit Ent­schä­di­gungs­funk­ti­on in Be­tracht. Tat­werk­zeu­ge und Ge­win­ne kön­nen in na­he­zu al­len Län­dern si­cher­ge­stellt bzw. ein­ge­zo­gen wer­den. Im Hin­blick auf die funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts be­stä­tigt sich des­sen Ab­hän­gig­keit von Rah­men­be­din­gun­gen wie aus­rei­chen­den per­so­nel­len, tech­ni­schen und pro­zess­recht­li­chen Res­sour­cen. Nicht zu ver­nach­läs­si­gen sind aber auch "Stör­fak­to­ren" wie Kor­rup­ti­on.