Im Übergang von der Diktatur zur Demokratie in Südamerika sind Amnestien, Wahrheitskommissionen und Strafver­fol­gungs­ver­jäh­rung bei der Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen unter der Diktatur Konstanten der Kriminal­poli­tik. Projektziel ist, eine Basis zu schaffen, um Brasiliens Transitional Justice Politik in entsprechende südamerikanische Kriminalpolitiken einzuordnen, nachdem der Interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof Brasilien wegen der Straflosigkeit von Menschenrechtsverletzungen verurteilte.

Pro­jekt­be­schrei­bung

Ge­gen­stand des Pro­jekts war die Tran­si­tio­nal Ju­sti­ce (TJ)-Po­li­tik in der Kri­mi­nal­po­li­tik süd­ame­ri­ka­ni­scher Staa­ten nach der Dik­ta­tur – spe­zi­ell die TJ Po­li­tik Bra­si­li­ens. Der bra­si­lia­ni­sche Staat war zwi­schen 1964 und 1985 ei­ne Mi­li­tär­dik­ta­tur, un­ter der von Staats we­gen schwers­te Straf­ta­ten ge­gen Per­so­nen be­gan­gen wur­den. Wäh­rend die­se Art von Kri­mi­na­li­tät un­ter der Dik­ta­tur straf­los blieb, ging der Staat ri­go­ros ge­gen po­li­tisch mo­ti­vier­te Ta­ten Op­po­si­tio­nel­ler vor. Schließ­lich er­ließ der bra­si­lia­ni­sche Staat in der letz­ten Pha­se der Dik­ta­tur ein Amne­stie­ge­setz und er­kann­te nach de­ren En­de die schwers­ten Straf­ta­ten of­fi­zi­ell an, die zu­vor sei­net­we­gen be­gan­gen wor­den wa­ren. Ei­ne Straf­ver­fol­gung die­ser Ta­ten blieb da­bei un­ter Ver­weis auf die Amnes­tie aus. Hier liegt das we­sent­li­che Pro­blem der bra­si­lia­ni­schen TJ-Po­li­tik.

Im An­schluss an ei­ne lan­des­wei­te De­bat­te über die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit und Reich­wei­te des Amne­stie­ge­set­zes be­fand der Obers­te Bun­des­ge­richts­hof Bra­si­li­ens (STF) das Ge­setz für ver­fas­sungs­mä­ßig. Der STF stell­te da­bei fest, dass die Amnes­tie von Staats we­gen be­gan­ge­ne schwers­te Straf­ta­ten und po­li­ti­sche Ta­ten Op­po­si­tio­nel­ler glei­cher­ma­ßen um­fass­te. Ein obi­ter dic­tum ver­wies fer­ner auf die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung ein­schlä­gi­ger Straf­ta­ten. Mo­na­te spä­ter be­fand der In­ter­a­me­ri­ka­ni­sche Men­schen­rechts­ge­richts­hof je­doch, dass die Art und Wei­se, wie die bra­si­lia­ni­sche Jus­tiz das Amne­stie­ge­setz in­ter­pre­tier­te und an­wen­de­te, die Auf­klä­rung und Be­stra­fung von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen (MR Ver­let­zun­gen) ver­hin­der­te – und ver­ur­teil­te Bra­si­li­en zur Auf­nah­me von Er­mitt­lun­gen über die MR Ver­let­zun­gen und zur Be­stra­fung der Ver­ant­wort­li­chen. An­schlie­ßend setz­te die bra­si­lia­ni­sche Bun­des­re­gie­rung ei­ne na­tio­na­le Wahr­heits­kom­mis­si­on mit dem Ziel ein, die MR Ver­let­zun­gen zu un­ter­su­chen und sie auf­zu­klä­ren, um den Op­fer­rech­ten auf Ge­den­ken an die­se Straf­ta­ten und auf Kennt­nis der his­to­ri­schen Wahr­heit zu ge­nü­gen. Ei­ne ef­fek­ti­ve Straf­ver­fol­gung der durch den Staat be­gan­ge­nen schwers­ten Straf­ta­ten fand in­des bis heu­te nicht statt – v.a. un­ter Ver­weis auf das Ur­teil des STF, ein­schließ­lich der Straf­ver­fol­gungs­ver­jäh­rung. Die­se Pro­ble­me der bra­si­lia­ni­schen TJ Po­li­tik nach der Mi­li­tär­dik­ta­tur sind Kon­stan­ten der Kri­mi­nal­po­li­tik in Süd­ame­ri­ka.

Das Pro­jekt ver­folg­te als Ziel, ei­ne Grund­la­ge da­für zu schaf­fen, um Bra­si­li­ens TJ Po­li­tik in die süd­ame­ri­ka­ni­schen Kri­mi­nal­po­li­ti­ken – be­zo­gen auf Amnes­ti­en, Wahr­heits­kom­mis­sio­nen und die Straf­ver­fol­gungs­ver­jäh­rung – ein­zu­ord­nen. Als Pro­jek­t­er­geb­nis lässt sich fest­hal­ten, dass die süd­ame­ri­ka­ni­schen Rechts­ord­nun­gen im An­schluss an die je­wei­li­gen Dik­ta­tu­ren zwei Ar­ten von Kri­mi­nal­po­li­ti­ken für den Um­gang mit MR Ver­let­zun­gen ver­fol­gen. Zum einen exis­tiert ei­ne nicht ju­ris­tisch-sta­ti­sche – wenn auch in recht­li­cher Form aus­ge­stal­te­te – TJ Po­li­tik, de­ren Kom­po­nen­ten im We­sent­li­chen nicht un­ter der Be­din­gung des Ein­sat­zes straf­recht­li­cher Sank­tio­nen ste­hen, son­dern we­sent­lich Ele­men­te des Re­sto­ra­ti­ve Ju­sti­ce Pa­ra­dig­mas ent­hal­ten. Zum an­de­ren exis­tiert ei­ne Kri­mi­nal­po­li­tik, die im Gan­zen un­ter der Be­din­gung des Ein­sat­zes straf­recht­li­cher Sank­tio­nen ope­riert. Ent­schei­dun­gen über die Ak­zen­tu­ie­rung ent­spre­chen­der Po­li­ti­ken sind da­bei je­weils von den Ziel­set­zun­gen und -kon­flik­ten ab­hän­gig, die sich in den ein­zel­nen Ge­sell­schaf­ten ak­tu­ell in je­der Pha­se des lan­gen po­li­tisch-ge­sell­schaft­li­chen Über­gangs von der Dik­ta­tur zur De­mo­kra­tie her­aus­bil­den. Da­bei ist für Süd­ame­ri­ka fest­zu­stel­len, dass wäh­rend der ers­ten Über­gangs­pha­sen der Ein­satz straf­recht­li­cher Sank­tio­nen we­ni­ger ak­zen­tu­iert ist als in spä­te­ren Pha­sen, in de­nen bei dem Um­gang mit MR Ver­let­zun­gen durch die Dik­ta­tur der Aus­nah­me­ge­dan­ke der Tran­si­tio­nal Ju­sti­ce zu­neh­mend dem Nor­mal­pro­gramm des Straf­rechts zu wei­chen scheint. Der bra­si­lia­ni­sche Weg ist da­bei kei­ne Aus­nah­me. Leich­te und schnel­le po­li­ti­sche Lö­sun­gen für die je­wei­li­ge Über­gangs­pha­se gibt es nach den süd­ame­ri­ka­ni­schen Er­fah­run­gen je­den­falls eben­so we­nig wie all­ge­mei­ne nor­ma­ti­ve Ge­wiss­hei­ten über den rich­ti­gen Weg.

Mit­ar­beit

Ar­gen­ti­ni­en: Prof. Dr. Ga­bri­el Pérez Bar­berá (Uni­ver­si­dad Nacio­nal de Cór­do­ba)
Bra­si­li­en: Prof. Dr. Car­los Eduar­do Ja­pi­assú (Uni­ver­si­da­de do Esta­do do Rio de Ja­nei­ro) | Prof. Ce­zar Au­gus­to Ro­d­ri­gues Costa (Uni­ver­si­da­de Fe­deral do Rio de Ja­nei­ro) | Prof. Dr. Da­vi de Pai­va Costa Tan­ge­ri­no (Uni­ver­si­da­de do Esta­do do Rio de Ja­nei­ro) | Isaac Por­to dos San­tos (Uni­ver­si­da­de Fe­deral do Rio de Ja­nei­ro) | Mar­ce­lo To­rel­ly (Uni­ver­si­da­de de Bra­si­lia) | Dr. Pau­lo Ab­rão (In­sti­tu­to de Políti­cas Púb­li­cas em Di­rei­tos Hu­ma­nos do Mer­co­sul, Bue­nos Ai­res) | Pau­lo Men­des (Uni­ver­si­da­de Fe­deral do Rio de Ja­nei­ro) | Prof. Mar­ce­la Si­quei­ra Mi­guens (Uni­ver­si­da­de Fe­deral do Rio de Ja­nei­ro) | Prof. Dr. Mar­cos Vi­ni­ci­us To­rers Perei­ra (Uni­ver­si­da­de Fe­deral do Rio de Ja­nei­ro)
Chi­le: Prof. Dr. Sal­va­dor Mil­la­leo (Uni­ver­si­dad de Chi­le, San­tia­go de Chi­le) | Prof. Dr. Héc­tor Hernán­dez (Uni­ver­si­dad Die­go Por­ta­les, San­tia­go de Chi­le)
Uru­guay: Prof. Dr. Pa­blo Ga­lain Pa­ler­mo (Uni­ver­si­dad de la Repúb­li­ca, Mon­te­vi­deo)
Ver­ein­te Na­tio­nen: Ame­ri­go In­cal­cal­ter­ra (Of­fi­ce of the Uni­ted Na­ti­ons High Com­mis­sio­ner of Hu­man Rights, Ge­ne­va – San­tia­go de Chi­le)

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