Die Arbeit analysiert die tatsächlichen und rechtlichen Implikationen internationationaler Haftbefehle in Bezug auf andauernde Konflikte. Sie zeigt dabei die potentiell konträren völkerrechtlichen Verpflichtungen externer Akteure und insb. des ICC und versucht, diese mit dem Strafauftrag in Einklang zu bringen. Zudem werden die Möglichkeiten der Rezeption dieses Normkonfliktes im Rahmen des Rom-Statuts und der UN-Charta analysiert.

Die Dis­ser­ta­ti­on un­ter­sucht aus nor­ma­ti­ver Sicht den un­ter dem un­ge­nau­en Schlag­wort Frie­den ver­sus Ge­rech­tig­keit be­kann­ten Kon­flikt zwi­schen dem Ziel der Straf­ver­fol­gung von Völ­ker­straf­tä­tern und dem Ziel der Be­frie­dung von Kon­flikt­re­gio­nen zur Ver­hin­de­rung krie­ge­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen und an­de­rer Straf­ta­ten. Ein sol­cher Kon­flikt kann ent­ste­hen, wenn po­li­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen ei­ne gleich­zei­ti­ge Ver­wirk­li­chung bei­der Zie­le un­mög­lich ma­chen. Die Tä­tig­keit des In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs (ISt­GH) – ne­ben den UN der re­le­van­tes­te ex­ter­ne Ak­teur – ist da­bei von zen­tra­ler Be­deu­tung, da durch die (er­folg­lo­sen) Haft­be­feh­le ge­gen den ugan­di­schen Re­bel­len­chef Kony und den su­da­ne­si­schen Prä­si­den­ten Ba­shir ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf Frie­den­spro­zes­se zu ver­zeich­nen sind. We­gen sei­ner Kon­se­quen­zen ist das Wir­ken des ISt­GH po­li­tisch und ju­ris­tisch um­strit­ten. Die ju­ris­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung ist da­bei weit­ge­hend (völ­ker-)straf­rechts­in­tern ge­blie­ben und wird der frag­men­ta­ri­schen Na­tur des Völ­ker­rechts nicht im­mer aus­rei­chend ge­recht. Ne­ben den völ­ker­straf­recht­li­chen Re­ge­lun­gen exis­tie­ren po­ten­ti­ell ge­gen­läu­fi­ge Ver­pflich­tun­gen. So be­fin­det sich, zu­sätz­lich zur UN­Char­ta und den Men­schen­rechts­ver­trä­gen, mit der "Re­spon­si­bi­li­ty to Pro­tect" ein wei­te­res ver­stärkt prä­ven­tiv aus­ge­rich­te­tes (Ge­wohn­heits-) Rechts­re­gime in der Ent­ste­hung. Ne­ben dem prak­tisch-po­li­ti­schen Ziel­kon­flikt zeich­net sich so­mit ein Nor­men­kon­flikt ab, der den Hand­lungs­spiel­raum für straf­recht­li­che In­ter­ven­tio­nen ver­schie­de­ner ex­ter­ner Ak­teu­re prägt.

Ers­tes Ziel der Dis­ser­ta­ti­on ist es da­her, fest­zu­stel­len, ob ein der­ar­ti­ger Nor­men­kon­flikt in Ugan­da und Su­dan exis­tent ist. Zwei­tes Ziel ist es zu klä­ren, ob das Völ­ker­recht einen Vor­rang des straf­recht­li­chen An­sat­zes pro­kla­miert oder ob das Straf­recht im Kol­li­si­ons­fall ge­ne­rell oder im Ein­zel­fall zu­rück­zu­tre­ten hat. Ba­sie­rend auf der An­nah­me, dass der Nor­men­kon­flikt nur durch ei­ne Ein­zel­fall­ab­wä­gung auf­ge­löst wer­den kann, ist es drit­tes Ziel der Ar­beit zu er­fas­sen, in­wie­weit ei­ne Ab­wä­gung im Ein­zel­fall durch den ISt­GH, den UN-Si­cher­heits­rat (UN-SR) und ver­fol­guns­wil­li­ge Dritt­staa­ten ver­fah­rens­recht­lich mög­lich ist.

Die Dis­ser­ta­ti­on ba­siert auf ei­ner Norm-, Recht­spre­chungs-, Li­te­ra­tur- und Pres­se­ana­ly­se. Sie wird er­gänzt durch ei­ne Un­ter­su­chung recht­lich un­ver­bind­li­cher in­ter­na­tio­na­ler Do­ku­men­te und staat­li­cher Stel­lung­nah­men, um – ei­nem mo­dern-po­si­ti­vis­ti­schen An­satz fol­gend – den Um­fang völ­ker­ge­wohn­heits­recht­li­cher Nor­men be­stim­men zu kön­nen.

Zu­nächst wird die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on in Nord-Ugan­da und im Su­dan be­schrie­ben, um in ei­nem nächs­ten Schritt die Fest­stel­lung der ein­schlä­gi­gen Völ­ker­rechts­nor­men zu er­mög­li­chen. Zur ab­schlie­ßen­den Klä­rung der ers­ten For­schungs­fra­ge wird über­prüft, ob ein Nor­men­kon­flikt um­gan­gen wer­den kann, in­dem al­ter­na­ti­ve Kon­flikt­lö­sungs­me­cha­nis­men als Sub­sti­tut der Straf­ver­fol­gung zum Ein­satz ge­bracht wer­den. Dem schließt sich ei­ne Ana­ly­se der Hier­ar­chie im Völ­ker­recht und wei­te­rer theo­re­ti­scher Aspek­te der Auf­lö­sung von Nor­men­kon­flik­ten an. Dann wen­det sich die Ar­beit den kon­kre­ten Ent­schei­dun­gen zu. Es wird un­ter­sucht, ob die re­le­van­ten Or­ga­ne des ISt­GH (An­kla­ge und Vor­ver­fah­rens­kam­mer) in den ver­schie­de­nen Sta­di­en des Ver­fah­rens die Mög­lich­keit ha­ben, die nor­ma­ti­ven Er­wä­gun­gen zu be­rück­sich­ti­gen (Art. 53 II (c), III (a)–(b), 57 III (a) Rom-Sta­tut). Da­bei wird ins­be­son­de­re be­rück­sich­tigt, dass durch ei­ne Ver­än­de­rung der po­li­ti­schen Um­stän­de ei­ne Über­prü­fung be­reits ge­trof­fe­ner Ent­schei­dun­gen not­wen­dig sein könn­te. Eben­falls un­ter­sucht wird der recht­li­che Hand­lungs­spiel­raum des UN-SR gem. Art. 16 Rom-Sta­tut und Kap. VII UN-Char­ta. Schließ­lich wer­den mög­li­che Aus­wir­kun­gen auf zu­künf­ti­ge Ver­fah­ren und die po­li­ti­sche Rea­li­sier­bar­keit mög­li­cher Kom­pro­miss­lö­sun­gen dar­ge­legt.