Die Globalisierung führt zu einer zunehmenden Angleichung der nationalen Strafrechtsordnungen. Diese Entwicklung verläuft in den verschiedenen Rechtsgebieten jedoch unterschiedlich. Zur Erforschung dieser Prozesse untersucht das internationale Gemeinschaftsprojekt mit 13 Forschern erstmals Akteure, Wirkungskräfte, Prozesse und Modelle der internationalen Strafrechtsharmonisierung zum Zwecke der Theoriebildung auf der Grundlage von detaillierten Studien zu elf unterschiedlichen Rechtsgebieten.

Die Glo­ba­li­sie­rung führt be­son­ders in en­gen wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Ge­mein­schaf­ten zu ei­ner zu­neh­men­den Har­mo­ni­sie­rung des Straf­rechts. Die­ser Pro­zess ver­läuft je­doch in den ver­schie­de­nen Rechts­be­rei­chen und auch in den un­ter­schied­li­chen re­gio­na­len Zu­sam­menschlüs­sen auf höchst un­ter­schied­li­che Wei­se. Dies wirft bis­her noch nicht er­forsch­te Grund­la­gen­fra­gen auf: Wel­che pri­va­ten oder staat­li­chen Ak­teu­re be­ein­flus­sen die­se Ent­wick­lung? Wel­che Kräf­te wir­ken für und wel­che ge­gen ei­ne Straf­rechts­har­mo­ni­sie­rung? Wel­che In­ter­ak­ti­ons­pro­zes­se fin­den bei der in­ter­na­tio­na­len Straf­rechts­an­glei­chung statt? Las­sen sich un­ter­schied­li­che Mo­del­le der Straf­rechts­har­mo­ni­sie­rung iden­ti­fi­zie­ren?

In dem vor­lie­gen­den Pro­jekt wur­den die­se Fra­gen in ei­nem in­ter­na­tio­na­len Team von er­fah­re­nen Straf­rechts­ver­glei­chern ana­ly­siert, die sich im Ver­lauf des Pro­jekts mehr­fach zur Dis­kus­si­on ih­rer Zwi­schen­er­geb­nis­se in Pa­ris, Frei­burg, Ba­sel, Nea­pel und To­le­do tra­fen. Da­bei wur­den die oben ge­nann­ten Fra­gen für elf Rechts­be­rei­che un­ter­sucht (Völ­ker­straf­ta­ten, Ter­ro­ris­mus, Men­schen­han­del, Kor­rup­ti­on, u.a.m.). Die­se Be­rei­che des „Be­son­de­ren Teils“ der Stu­die wur­den an­schlie­ßend in ei­ner all­ge­mei­nen Quer­schnitts­ana­ly­se im Hin­blick auf ers­te Aus­sa­gen zur Ent­wick­lung ei­ner Theo­rie der Straf­rechts­har­mo­ni­sie­rung aus­ge­wer­tet.

Bei der am Be­ginn der Ar­beit ste­hen­den Ana­ly­se der elf aus­ge­wähl­ten Rechts­ge­bie­te un­ter­such­te das Frei­bur­ger Max-Planck-In­sti­tut die Har­mo­ni­sie­rungs­pro­zes­se in den ver­schie­de­nen Rechts­be­rei­chen der In­ter­net­kri­mi­na­li­tät. In die­sem „Mi­kro­kos­mos“ un­ter­schied­li­cher ma­te­ri­ell­recht­li­cher und pro­zes­sua­ler Teil­recht­ge­bie­te sind vor al­lem die Er­geb­nis­se zu den sich über­schnei­den­den Re­ge­lun­gen der ver­schie­de­nen in­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­tio­nen in­ter­essant. Sie zeig­ten, dass bis­he­ri­ge For­schungs­er­geb­nis­se zum Zi­vil­recht z.B. zu Norm­wi­der­sprü­chen in­fol­ge ei­ner Frag­men­tie­rung des Rechts für das Straf­recht so nicht zu­tref­fen. Wei­ter wur­de deut­lich, dass in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen ver­schie­de­ne Lö­sun­gen ge­fun­den ha­ben, um trotz der auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne feh­len­den de­mo­kra­ti­schen Le­gi­ti­ma­ti­on ei­ne ef­fek­ti­ve Rechts­an­glei­chung mit den An­for­de­run­gen an ei­ne de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on des Staf­rechts zu ver­ein­ba­ren. Die­se für den „Mi­kro­kos­mos“ des In­ter­net­straf­rechts ent­wi­ckel­ten Er­geb­nis­se be­tre­ten zu­min­dest für Deutsch­land und ins­be­son­de­re für das Straf­recht wis­sen­schaft­li­ches Neu­land.

Bei der all­ge­mei­nen Quer­schnitts­ana­ly­se der ver­schie­de­nen De­likts­be­rei­che war das Frei­bur­ger In­sti­tut wei­ter für die Un­ter­su­chung der Wir­kungs­kräf­te der Straf­rechts­har­mo­ni­sie­rung ver­ant­wort­lich. Die­se lie­gen vor al­lem im In­ter­es­se der Staa­ten an ei­ner wirk­sa­men trans­na­tio­na­len Straf­ver­fol­gung im Rah­men ei­ner ho­mo­ge­nen Kri­mi­nal­po­li­tik. Von er­heb­li­cher Be­deu­tung für den Har­mo­ni­sie­rungs­er­folg ist auch, ob in dem be­tref­fen­den Rechts­be­reich be­reits ge­mein­sa­me Wert­vor­stel­lung be­ste­hen, wie sie z.B. durch uni­ver­sal gel­ten­de Men­schen­rech­te ge­prägt sind. Wirk­kräf­te der Straf­rechts­har­mo­ni­sie­rung sind fer­ner die Exis­tenz von spe­zi­fi­schen In­stru­men­ten (wie eu­ro­päi­sche Richt­li­ni­en) zur „har­ten“ Durch­set­zung der Straf­rechts­an­glei­chung. Be­deu­tung hat auch der Ein­fluss von in­ter­na­tio­na­len Org­nisa­tio­nen so­wie der mit der Har­mo­ni­sie­rung be­fass­ten Ex­per­ten, der Wirt­schaft und der Zi­vil­ge­sell­schaft (letz­te­re insb. mit der Skan­da­li­sie­rung von Fäl­len in Pres­se­be­rich­ten). Po­li­tisch mäch­ti­ge Na­tio­nal­staa­ten kön­nen vor al­lem bei über­ein­stim­men­den grund­le­gen­den Wer­te ih­re Har­mo­ni­sie­rungs­wün­sche ge­gen ent­ge­gen­ge­setzt wir­ken­de Sou­ve­rä­ni­täts­in­ter­es­sen an­de­rer Na­tio­nal­staa­ten und ge­gen das Ar­gu­ment der „na­tio­na­len“ Straf­rechts­kul­tur durch­set­zen.
Die Pro­jek­t­er­geb­nis­se sind ver­öf­fent­licht: M. Del­mas-Mar­ty/M. Pieth/U.Sie­ber (ed.), Les che­mins de l'har­mo­ni­sa­ti­on péna­le / Har­mo­ni­sing Cri­mi­nal Law, Pa­ris 2008 (mit den oben ge­nann­ten Bei­trä­gen aus dem In­sti­tut von Ul­rich Sie­ber „Mas­te­ring Com­ple­xi­ty in the Glo­bal Cy­ber­space“ S. 127-202 und „The Forces be­hind the Har­mo­ni­za­ti­on of Cri­mi­nal Law“ S. 385-417).