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Projekt 'Grenzen des Strafrechts bei der Terrorismusgesetzgebung' bearbeiten

Der neue, globale Terrorismus hat in vielen Rechtsordnungen zu einer erheblichen Ausdehnung des Strafrechts in das Vorfeld des eigentlichen Taterfolgs geführt, wodurch sich die Frage nach den rechtsstaatlichen Grenzen des Strafrechts neu stellt. Das Projekt untersucht und vergleicht die in Deutschland und England erörterten Kriterien zur Strafrechtsbegrenzung am Beispiel der Terrorismusgesetzgebung. Damit soll ein Beitrag zur Diskussion über die Auflösung des Konflikts zwischen Freiheit und Sicherheit geleistet werden.

Seit den An­schlä­gen von New York, Ma­drid und Lon­don gel­ten al­le west­li­chen De­mo­kra­ti­en als mög­li­ches Ziel ei­nes ter­ro­ris­ti­schen An­griffs, wo­durch ei­ne tie­fe Ver­un­si­che­rung in der Be­völ­ke­rung her­vor­ge­ru­fen und das ho­he Si­cher­heits­be­dürf­nis west­li­cher Ge­sell­schaf­ten emp­find­lich ge­trof­fen wird. Deutsch­land und Eng­land rea­gier­ten wie auch an­de­re Län­der auf die Ge­fahr die­ses bis­her un­be­kann­ten, glo­ba­len Ter­ro­ris­mus mit der Ein­füh­rung neu­er Straf­tat­be­stän­de, de­ren An­wen­dungs­be­reich oft über die in­ter­na­tio­na­len Vor­ga­ben zur Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung hin­aus­geht. An­ge­sichts ver­hee­ren­der und nicht ge­nau ab­schätz­ba­rer Tat­fol­gen ter­ro­ris­ti­scher An­schlä­ge stand für den Ge­setz­ge­ber da­bei der Prä­ven­ti­ons- und Si­cher­heits­ge­dan­ke im Vor­der­grund. Vor­ran­gi­ges Ziel der neu­en Ge­set­ze ist so­mit, ein frü­he­res staat­li­ches Ein­grei­fen zu er­mög­li­chen, in­dem an Tat­hand­lun­gen weit im Vor­feld des ei­gent­li­chen Ta­ter­folgs an­ge­knüpft wird. Der dar­aus fol­gen­de er­heb­li­che Ein­griff in die Frei­heits­s­phä­re des Ein­zel­nen wird zu­meist mit der ver­meint­li­chen Si­cher­heit ge­recht­fer­tigt, die die neu­en Straf­tat­be­stän­de ge­währ­leis­ten sol­len. In ei­nem Rechts­staat muss die Ein­griffs­be­fug­nis des Staats je­doch kla­re Gren­zen ha­ben – denn oh­ne die­se ist ei­ne Vor­ver­la­ge­rung bis hin zur Be­stra­fung von Ge­dan­ken denk­bar. Neue Ri­si­ken wer­fen da­her neue Fra­gen nach der Le­gi­ti­ma­ti­on und den funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts auf, die sich im Span­nungs­feld zwi­schen straf­recht­lich ge­schütz­ter Si­cher­heit und der Frei­heit des Ein­zel­nen be­we­gen.

Das Dis­ser­ta­ti­ons­vor­ha­ben geht der Fra­ge nach, wel­che Kri­te­ri­en zur Auf­lö­sung des Kon­flikts zwi­schen Frei­heit und Si­cher­heit dis­ku­tiert wer­den. For­schungs­ge­gen­stand sind die Mo­del­le zur Straf­rechts­be­gren­zung am Bei­spiel der Ter­ro­ris­mus­ge­setz­ge­bung in Deutsch­land und Eng­land. Das Pro­blem der funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts zeigt sich in der deut­schen Ter­ro­ris­mus­ge­setz­ge­bung be­son­ders deut­lich bei der In­kri­mi­nie­rung so­zi­al­ad­äqua­ter Hand­lun­gen oh­ne ei­ge­nen Un­rechts­ge­halt so­wie der Straf­be­weh­rung von Hand­lun­gen, die erst durch einen wei­te­ren Wil­lens­ent­schluss des Tä­ters oder ei­nes Drit­ten zu ei­ner Ver­let­zung des Schutz­guts füh­ren kön­nen. Bei die­ser Pö­na­li­sie­rung von Ver­hal­tens­wei­sen weit im Vor­feld ei­nes An­schlags stel­len sich schwie­ri­ge Le­gi­ti­ma­ti­ons­fra­gen. Soll et­wa be­reits der Be­sitz an sich harm­lo­ser Ge­gen­stän­de straf­bar sein, wenn die Ab­sicht be­steht, die­se bei ei­nem An­schlag ein­zu­set­zen? Zu­dem führt die An­er­ken­nung weit ge­fas­s­ter kol­lek­ti­ver Schutz­gü­ter wie „die öf­fent­li­che Si­cher­heit“ zu ei­ner pro­ble­ma­ti­schen Aus­deh­nung der Straf­bar­keit. Noch schär­fer tritt der Kon­flikt zwi­schen Frei­heit und Si­cher­heit in der neue­ren eng­li­schen Ter­ro­ris­mus­ge­setz­ge­bung her­vor. Ei­ne sehr wei­te De­fi­ni­ti­on des Be­griffs „Ter­ro­ris­mus“ so­wie der Ver­zicht auf ob­jek­ti­ve Un­rechts­merk­ma­le in den Tat­be­stän­den füh­ren in vie­len Fäl­len zu ei­nem er­heb­li­chen Ein­griff in die Frei­heits­rech­te der Bür­ger.

So­wohl in Deutsch­land als auch in Eng­land wer­den in lan­ger Tra­di­ti­on mög­li­che Kri­te­ri­en dis­ku­tiert, die einen Maß­stab für die Le­gi­ti­ma­ti­on und die Be­gren­zung von Straf­nor­men be­reit­stel­len sol­len. Wäh­rend sich die Dis­kus­si­on in Deutsch­land vor al­lem in der straf­recht­li­chen und ver­fas­sungs­recht­li­chen Rechts­wis­sen­schaft ent­wi­ckel­te, wird die Fra­ge nach Le­gi­ti­ma­ti­ons­kri­te­ri­en des Straf­rechts im eng­lisch­spra­chi­gen Raum haupt­säch­lich als rechts­phi­lo­so­phi­sche Fra­ge wahr­ge­nom­men. In jün­ge­rer Zeit stieß das The­ma je­doch auch in der straf­recht­li­chen Li­te­ra­tur ver­mehrt auf In­ter­es­se. In der deut­schen Straf­rechts­wis­sen­schaft wur­den an­glo­ame­ri­ka­ni­sche An­sät­ze par­ti­ell in die Dis­kus­si­on mit­ein­be­zo­gen; es fehlt bis­lang je­doch an ei­ner um­fas­sen­den Ge­gen­über­stel­lung der Straf­rechts­be­gren­zungs­prin­zi­pi­en. Zu­dem gibt es – so­weit er­sicht­lich – kei­ne ver­glei­chen­de Ar­beit über die Aus­wir­kun­gen der Be­gren­zungs­prin­zi­pi­en an ei­nem kon­kre­ten Bei­spiel und da­mit über die Fra­ge, ob die­se in der Kri­mi­nal­po­li­tik der bei­den Län­der ei­ne Rol­le spie­len.

Ziel des For­schungs­vor­ha­bens ist die Her­aus­ar­bei­tung der ak­tu­ell in Deutsch­land und Eng­land er­ör­ter­ten funk­tio­na­len Gren­zen des An­wen­dungs­be­reichs von Straf­recht in Be­zug auf die Ter­ro­ris­mus­ge­setz­ge­bung. Es soll ei­ne Dar­stel­lung der Kri­te­ri­en zur Straf­rechts­be­gren­zung so­wie de­ren An­wen­dung auf die ein­schlä­gi­gen Ge­set­ze in bei­den Län­dern er­fol­gen. In die­sem Zu­sam­men­hang wer­den die Ge­mein­sam­kei­ten und Un­ter­schie­de des deut­schen und des eng­li­schen Kon­zepts auf­ge­zeigt so­wie der Um­gang mit Grenz­fäl­len ver­gli­chen. Schließ­lich soll der Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den, ob die deut­schen oder die eng­li­schen Re­ge­lun­gen zur Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung nach rechts­staat­li­chen Maß­stä­ben vor­zugs­wür­dig sind. Ins­ge­samt soll ein Bei­trag zur Dis­kus­si­on ge­leis­tet wer­den, wie ein ge­rech­ter Aus­gleich zwi­schen in­di­vi­du­el­ler Frei­heit und kol­lek­ti­ver Si­cher­heit er­fol­gen kann.

Die Un­ter­su­chung wird im We­ge der funk­tio­na­len Rechts­ver­glei­chung durch­ge­führt. Der Ver­gleich mit ei­nem Land aus dem an­glo­ame­ri­ka­ni­schen Rechts­kreis ver­spricht neue Sicht­wei­sen im Hin­blick auf die ei­ge­ne Rechts­ord­nung. Zu­dem scheint Eng­land, das im Ver­gleich zu Deutsch­land ei­ne ein­griff­sin­ten­si­ve­re Kri­mi­nal­po­li­tik ver­folgt, den Kon­flikt zwi­schen Frei­heit und Si­cher­heit nach an­de­ren Kri­te­ri­en auf­zu­lö­sen, de­ren Vor­zügs­wür­dig­keit zu dis­ku­tie­ren bleibt. Die Ana­ly­se der Ter­ro­ris­mus­ge­setz­ge­bung, der Straf­rechts­be­gren­zungs­kri­te­ri­en so­wie de­ren An­wen­dung auf die Tat­be­stän­de er­folgt mit­tels ei­ner Aus­wer­tung der Ge­set­ze und Ge­set­zes­ma­te­ria­li­en, der Recht­spre­chung und der Li­te­ra­tur.

Nach ei­ner Ein­füh­rung in die Pro­blem­stel­lung der Ar­beit so­wie ei­ner Dar­stel­lung von Ziel, Me­tho­de und Gang der Un­ter­su­chung fol­gen der deut­sche und der eng­li­sche Lan­des­be­richt. Die­se ge­ben im ers­ten Ab­schnitt je­weils einen Über­blick über die Straf­tat­be­stän­de zur Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung im Vor­feld ei­nes An­schlags. Es folgt in ei­nem zwei­ten Ab­schnitt ei­ne all­ge­mei­ne Er­ör­te­rung der Kri­te­ri­en zur Straf­rechts­be­gren­zung in Deutsch­land und Eng­land. An­schlie­ßend wer­den im drit­ten Ab­schnitt der Lan­des­be­rich­te die ge­won­ne­nen Er­kennt­nis­se un­ter Aus­wer­tung der ein­schlä­gi­gen Ge­set­zes­ma­te­ria­li­en, der Recht­spre­chung und der Li­te­ra­tur auf die Straf­tat­be­stän­de zur Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung an­ge­wen­det. Die­sen Be­trach­tun­gen folgt ei­ne ver­glei­chen­de Zu­sam­men­fas­sung so­wie ei­ne Ge­samt­wür­di­gung im Hin­blick auf die Gren­zen rechts­staat­li­chen Stra­fens.