Das Projekt untersuchte Einflussfaktoren der urbanen Jugenddelinquenz am Beispiel zweier westdeutscher Städte (Köln und Freiburg) und einer benachbarten ländlichen Region (Breisgau/Markgräfler Land). Der besondere theoretische und methodische Zugang der Studie lag in der Einbeziehung des Raumes in die Deskription und Erklärung von delinquentem Verhalten und in der Verknüpfung verschiedener Datenquellen auf individueller und kollektiver Ebene im Rahmen von Mehrebenenmodellen. Die Fragestellung des Projekts knüpfte an die Diskussion über eine Gefährdung des städtischen Zusammenlebens durch die räumliche Konzentration von sozialen Benachteiligungen und Problemen an. Die Durchführung wurde in den Jahren 2000 bis 2003 mit Mitteln der DFG gefördert. Im Rahmen des Projekts wurden die „MPI-Schulbefragung 1999/2000“, die „MPI-FIFAS Jugendbefragung 2000“ und die „MPI-Bewohnerbefragung 2001“ in 61 Wohngebieten in Köln, Freiburg und dem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald durchgeführt. Im Berichtszeitraum wurden zwei Dissertationen und eine Habilitationsschrift fertiggestellt. Die Dissertation von Tilman Köllisch befasste sich mit dem Anzeige- und Registrierungsverhalten bei Jugenddelinquenz, die Dissertation von Thomas Naplava mit der interethnischen Gültigkeit der Erklärungsansätze von Jugenddelinquenz.

Die we­sent­li­chen Er­geb­nis­se der Mehre­be­nen­ana­ly­sen las­sen sich kurz so um­rei­ßen:Ei­ne zen­tra­le Be­deu­tung für die Exis­tenz von Kon­text­ef­fek­ten des Stadt­vier­tels für die De­lin­quenz von Ju­gend­li­chen kommt der räum­li­chen Aus­rich­tung der Freun­des­netz­wer­ke zu. Der Stadt­vier­tel­kon­text ist für Ju­gend­li­che of­fen­bar nur dann be­deut­sam ist, wenn ih­re Freun­de im sel­ben Stadt­vier­tel woh­nen; wenn nicht, dann ist der Stadt­vier­tel­kon­text of­fen­bar völ­lig be­deu­tungs­los – zu­min­dest der, in dem die Ju­gend­li­chen woh­nen, wie in bei­na­he al­len bis­he­ri­gen Stu­di­en an­ge­nom­men wird. Für die deut­schen Ju­gend­li­chen mit lo­ka­lem Freun­des­kreis ver­dop­pelt sich die Wahr­schein­lich­keit der Be­ge­hung schwe­rer Ei­gen­tums­de­lik­te pro An­stieg der So­zi­al­hil­fe­quo­te des Wohn­quar­tiers um ei­ne Stan­dard­ab­wei­chung un­ter Kon­trol­le in­di­vi­du­el­ler so­zio-de­mo­gra­phi­scher Merk­ma­le (Odds Ra­tio 1,97). Da­mit ist die vor­lie­gen­de Stu­die die ers­te eu­ro­päi­sche, die em­pi­ri­sche An­halts­punk­te für die Exis­tenz von Ver­stär­kungs­ef­fek­ten kon­zen­trier­ter Ar­mut auf Ju­gend­de­lin­quenz ge­fun­den hat.

Die Er­geb­nis­se un­ter­strei­chen die Be­deu­tung der lan­ge Zeit ver­nach­läs­sig­ten Gleich­alt­ri­gen­be­zie­hun­gen in der Ge­ne­se von ab­wei­chen­dem Ver­hal­ten. Au­ßer­dem be­to­nen sie die ak­ti­ve Rol­le der Ju­gend­li­chen. Weit ent­fernt da­von, pas­si­ve ,Re­ak­ti­ons­dep­pen‘ (von Tro­tha) zu sein, ent­schei­den Ju­gend­li­che mit der Aus­rich­tung ih­rer Freun­des­netz­wer­ke selbst über die Rol­le, die der so­zi­al­räum­li­che Kon­text ih­res Stadt­vier­tels in ih­ren All­tags­rou­ti­nen und ih­rem Ver­hal­ten spielt. Die pau­scha­le An­nah­me ei­ner für al­le Ju­gend­li­chen in so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Stadt­vier­teln wirk­sa­men Ein­schrän­kung der räum­li­chen Ori­en­tie­run­gen ist je­den­falls nicht be­rech­tigt. Dies be­deu­tet in der Kon­se­quenz, dass die so­zia­le Se­gre­ga­ti­on der Wohn­sit­ze durch ei­ne von den Ju­gend­li­chen selbst ge­steu­er­te so­zia­le Se­gre­ga­ti­on ih­rer so­zia­len Netz­wer­ke und Ak­ti­ons­räu­me er­gänzt und noch über­trof­fen wird. Me­tho­disch ge­se­hen ist der Ein­fluss des Kon­tex­tes dann je­doch - nicht an­ders als für de­lin­quen­te Peers be­kannt - ei­ne schwer zu ent­wir­ren­de Mi­schung aus Selbst­se­lek­ti­on und Ver­stär­kungs­ef­fek­ten.