Cybercrime ist ein Prototyp der grenzüberschreitenden Kriminalität. Die Reaktionen auf diese Delikte in weltweiten Datennetzen zeigen deswegen besonders deutlich die Versuche der Nationalstaaten, die nationalen Grenzen durch eine extraterritoriale Ausdehnung des Strafrechts zu überwinden. Das Projekt macht die Grenzen eines solchen Ansatzes deutlich: Er ist nur in Einzelbereichen und Einzelfällen erfolgreich, führt jedoch zu keinem allgemeinen Lösungsmodell für die Entwicklung eines transnational wirksamen Strafrechts.

For­schungs­ge­gen­stand:

Die Ver­brei­tung von Da­ten, die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit an­de­ren Per­so­nen und der Zu­griff auf ver­netz­te Com­pu­ter­sys­te­me ma­chen an Staats­gren­zen nicht Halt. Dies führt nicht nur zu grenz­über­schrei­ten­den Ak­ti­vi­tä­ten der Straf­tä­ter. Auch Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den kön­nen da­durch in­ter­na­tio­nal und jen­seits ih­rer Staats­gren­zen agie­ren. Da­bei stel­len sich zwei recht­li­che Pro­ble­me, die häu­fig mit dem eng­li­schen Be­griff der "Ju­ris­dic­ti­on" be­zeich­net wer­den: Zum einen geht es um das Pro­blem, in­wie­weit ein Staat sein na­tio­na­les Straf­recht mit den ent­spre­chen­den Re­ge­lun­gen des Straf­an­wen­dungs­rechts auch au­ßer­halb sei­nes Ter­ri­to­ri­ums für an­wend­bar er­klä­ren kann. Zum an­dern stellt sich die Fra­ge, ob und wie ein Staat im glo­ba­len Cy­ber­space au­ßer­halb sei­nes Ho­heits­ge­biets Er­mitt­lungs­hand­lun­gen vor­neh­men darf, z.B. in der Form von schlich­ten Be­oach­tungs­maß­nah­men oder aber von on­li­ne-Durch­su­chun­gen. Im Rah­men ei­nes von der Uni­ver­si­tät Til­burg or­ga­ni­sier­ten For­schungs­pro­jekts wur­de ver­sucht, zu die­sen bei­den Fra­gen die Rechts­la­ge in ver­schie­de­nen Rechts­ord­nun­gen zu ana­ly­sie­ren.

Ziel des Bei­trags aus dem Frei­bur­ger Max-Planck-In­sti­tut war vor al­lem die Ana­ly­se des deut­schen Straf­an­wen­dungs­rechts. Pro­ble­me stel­len sich hier vor al­lem bei der Ver­brei­tung von il­le­ga­len In­hal­ten, wenn die­se in zahl­rei­chen Staa­ten "mit ei­nem Mausklick" ab­ge­ru­fen wer­den kön­nen. In Deutsch­land gilt in­so­weit wie in den meis­ten Rechts­ord­nun­gen vor­ran­gig das Ter­ri­to­ria­li­täts­prin­zip. Die­ses Prin­zip ist je­doch nicht nur in vie­len Ein­zel­fra­gen klä­rungs­be­dürf­tig, es wird auch grund­sätz­lich un­ter dem Aspekt der Prak­ti­ka­bi­li­tät in Fra­ge ge­stellt. Durch die Ver­viel­fa­chung ter­ri­to­ria­ler An­knüp­fungs­punk­te wächst die Ge­fahr von Zu­stän­dig­keits­kon­flik­ten. Im glei­chen Ma­ße schwin­det für den Han­deln­den die Mög­lich­keit, ihm dro­hen­de Straf­ver­fol­gungs­ri­si­ken vor­her­zu­se­hen, ins­be­son­de­re wenn sein Ver­hal­ten in sei­ner Hei­mat­rechts­ord­nung als recht­mä­ßig be­wer­tet und in ei­ner an­de­ren Rechts­ord­nung mit Stra­fe be­droht wird. Dies gilt vor al­lem für die Ver­brei­tung von In­for­ma­tio­nen im In­ter­net, die welt­weit ab­ruf­bar sind. Hier droht zu­dem ei­ne Über­deh­nung der Zu­stän­dig­kei­ten der na­tio­na­len Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den, wenn nicht das Ter­ri­to­ria­li­täts­prin­zip re­strik­tiv aus­ge­legt wird oder den Straf­ver­fol­gern Er­mes­sens­spiel­räu­me er­öff­net wer­den, um nicht je­de In­ter­net­straf­tat ver­fol­gen zu müs­sen. Auch völ­ker­recht­lich ist die Be­an­spru­chung von Straf­ge­walt oh­ne hin­rei­chen­den Be­zug zur ei­ge­nen Rechts­ord­nung pro­ble­ma­tisch.

Die Lö­sung des Pro­blems ist im deut­schen Recht durch das "Ubi­qui­täts­prin­zip" ge­kenn­zeich­net, nach dem ei­ne Tat an dem Ort be­gan­gen ist, an dem der Tä­ter ge­han­delt hat oder an dem der zum Tat­be­stand ge­hö­ren­de Er­folg ein­ge­tre­ten ist. Da­zu be­steht in­zwi­schen Ei­nig­keit, dass ein der­ar­ti­ger Er­folg nicht nur im Sin­ne ei­nes Er­folgs­de­likts ver­stan­den wer­den kann, son­dern auch ei­ne sons­ti­ge vom Tat­be­stand er­fass­te Fol­ge ei­ner Hand­lung. Für den Fall der Leug­nung des Ho­lo­causts auf ei­nem aus­län­di­schen Ser­ver hat der deut­sche Bun­des­ge­richts­hof es aus­rei­chen las­sen, dass das um­strit­te­ne In­for­ma­ti­ons­an­ge­bot ge­eig­net war, den öf­fent­li­chen Frie­den in Deutsch­land zu ge­fähr­den. Dies hat­te ei­ne weit­rei­chen­de ex­tra­ter­ri­to­ria­le An­wen­dung des deut­schen Straf­rechts zur Fol­ge. Da die­ser Gel­tungs­an­spruch je­doch nicht durch ent­spre­chen­de Er­mitt­lungs­maß­nah­men durch­ge­setzt wer­den kann, führt dies nicht zu ei­nem ef­fek­ti­ven Mo­dell für ein trans­na­tio­nal wirk­sa­mes Straf­recht. Oh­ne ei­ne Straf­rechts­har­mo­ni­sie­rung und ein ge­eig­ne­tes zwi­schen­staat­li­ches Ko­ope­ra­ti­ons­recht lässt sich die Pro­ble­ma­tik da­her nicht lö­sen.

Der eng­lisch­spra­chi­ge Lan­des­be­richt "Deutsch­land" von Ul­rich Sie­ber wur­de mit den Er­geb­nis­sen des Ge­samt­pro­jekts ver­öf­fent­licht in: Bert-Jaap Ko­ops/Su­san W. Bren­ner (Hrsg.): Cy­ber­cri­me and Ju­ris­dic­ti­on. The Hague, T. M. C. As­ser Press, 2006, S. 183-210.

Ex­ter­ne Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner/-in­nen:

Prof. Su­san W. Bren­ner, Prof. Dr. Ro­ber­to Cha­con de Al­bu­quer­que, Prof. No­el Cox, Dr. Paul de Hert, Pa­van Dug­gal, Dr. Vla­di­mir Go­lu­bev, Bar­rie Gor­don, Prof. Dr. Pe­ter Gra­bo­s­ky, Jes­si­ca R. Her­re­ra-Flan­ni­gan, Dr. Gus Ho­sein, Prof. Dr. Hen­rik W.K. Kas­per­sen, Prof. Dr. Bert-Jaap Ko­ops, Prof. Dr. Jeong-Hoon Lee, Fer­n­an­do Lon­doño, Prof. Pau­li­ne C. Reich, Hen­rik Spang-Hans­sen, Dr. Gre­gor Ur­bas, Dr. Ian Wal­den, Dr. Mar­tin Was­mei­er, Prof. Dr. Gio­van­ni Zic­car­di, Ro­d­ri­go Zúñi­ga