Bei der Erweiterung der europäischen Strafverfolgung wird das Recht auf Verteidigung nicht gebührend berücksichtigt. Die Untersuchung analysiert deshalb verschiedene Möglichkeiten, die Gesamtbalance im Strafverfahren durch Schaffung einer eigenständigen europäischen Strafverteidigung zu gewährleisten.

Zwi­schen eu­ro­päi­scher Straf­ver­fol­gung und eu­ro­päi­scher Straf­ver­tei­di­gung be­steht ein er­heb­li­ches Un­gleich­ge­wicht: Die grenz­über­schrei­ten­de Straf­jus­tiz lässt sich als ver­tei­di­gungs­un­freund­lich, wenn nicht gar viel­fach als ver­tei­di­gungs“leer“ be­zeich­nen. In dem Pro­jekt wer­den prak­ti­sche und theo­re­ti­sche Pro­ble­me grenz­über­schrei­ten­der Straf­ver­tei­di­gung in Eu­ro­pa be­han­delt. Grund­la­ge da­für bil­den In­ter­views, die mit 34 deut­schen Straf­ver­tei­di­ge­rin­nen und Straf­ver­tei­di­gern ge­führt wur­den.

Die dar­in be­rich­te­ten Er­fah­run­gen be­zie­hen sich so­wohl auf or­ga­ni­sa­to­ri­sche Pro­ble­me als auch auf pro­zes­sua­le Schwie­rig­kei­ten. Die Pra­xis ist bis­lang weit­ge­hend selbst um Pro­blem­lö­sun­gen be­müht. Dies ge­schieht vor al­lem durch die Ein­rich­tung ei­ge­ner Netz­wer­ke der mit grenz­über­schrei­ten­der Straf­ver­tei­di­gung kon­fron­tier­ten Kanz­lei­en. Über­le­gun­gen, die auf die „staat­li­che“ EU-In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung ei­ner Eu­ro­päi­schen Straf­ver­tei­di­gung ge­rich­tet sind, wer­den eher skep­tisch ge­se­hen. Als kon­tra­pro­duk­tiv kri­ti­siert wird dar­über hin­aus ins­be­son­de­re die re­strik­ti­ve Hand­ha­bung von Fi­nan­zie­rungs-, Ver­gü­tungs- und Ge­büh­ren­fra­gen in der na­tio­na­len wie eu­ro­päi­schen Ge­setz­ge­bung.

Der Auf­bau ei­nes ver­tei­di­gungs­freund­li­che­ren eu­ro­päi­schen Rechts­rah­mens ist letzt­lich nur durch ei­ne grund­le­gen­de Re­vi­si­on der dies­be­züg­li­chen bis­he­ri­gen Rechts­po­li­tik der EU zu er­rei­chen , in­dem die bis­lang eher kos­me­ti­schen Maß­nah­men auf dem Ge­biet trans­na­tio­na­ler Straf­ver­tei­di­gung zu wirk­li­chen Re­for­men aus­ge­baut wer­den. Die an­walt­li­chen Be­mü­hun­gen um die grund­le­gen­de Ef­fek­ti­vie­rung eu­ro­päi­scher Straf­ver­tei­di­gung sind dann nicht aus­sicht­los, wenn sich na­tio­na­le wie in­ter­na­tio­na­le An­walts­or­ga­ni­sa­tio­nen stär­ker als bis­her mit ei­ner kri­ti­schen Straf­rechts­wis­sen­schaft ver­bin­den und ge­mein­sa­me Vor­schlä­ge öf­fent­lich­keits­wirk­sam auf EU-Ebe­ne trans­por­tiert wer­den. Da­zu ge­hört die For­de­rung, dass sich die Ein­hal­tung von Min­dest­stan­dards an Be­schul­dig­ten­rech­ten an de­ren Höchst­maß zu ori­en­tie­ren hat, so­wie die ste­te Mah­nung, einen di­rekt an­ruf­ba­ren Straf­se­nat beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof als Maß­nah­me zur deut­li­chen Ver­bes­se­rung des Rechts­schut­zes zu eta­blie­ren.

Die Pro­jek­t­er­geb­nis­se wur­den zu­nächst in meh­re­ren Ein­zel­ver­öf­fent­li­chun­gen vor­ge­stellt (zu­letzt Ar­nold, StV 2015, 588–597). Der Ab­schluss des Pro­jekts er­folg­te durch die 2015 im Ber­li­ner Wis­sen­schafts­ver­lag er­schie­ne­ne Buch­pu­bli­ka­ti­on von Ar­nold, „Grenz­über­schrei­ten­de Straf­ver­tei­di­gung in Eu­ro­pa. Prak­ti­sche Er­fah­run­gen und theo­re­ti­sche Über­le­gun­gen an­hand von In­ter­views mit Straf­ver­tei­di­ge­rin­nen und Straf­ver­tei­di­gern“, 254 S. Da­zu lie­gen bis­her sechs Re­zen­sio­nen vor: Bar­ton, Stra­Fo 2015, 527–528; Trüg, ZIS 2016, 214–216; Was­ser­burg, GA 2016, 658–661; Soy­er, Jour­nal für Straf­recht 2017, 265–267; Bocke­mühl, StV 2017, 763–764; Eick, In­for­ma­ti­ons­brief des RAV 113/2017, 83–84. An die­ses Pro­jekt an­knüp­fend und es er­gän­zend wird seit­dem das Pro­jekt „Wand­lun­gen der Straf­ver­tei­di­gung“ be­ar­bei­tet.