Das Projekt untersuchte rechtsvergleichend, wie Lateinamerikas Strafrecht Taten aus einem Gesamttatkomplex hierarchisch organisierter Netzwerke mehrerer Tatbeteiligter und Straftätergruppen deren jeweiligen Führungspersonen zurechnet. Zudem überprüfte es dogmatisch und kriminalpolitisch die These der Zurechnung makrokrimineller Hauptverantwortung wegen Organisationsherrschaft kraft organisatorischer Machtapparate – speziell zur strafrechtlichen Komponente einer Transitional Justice-Politik Kolumbiens.

Pro­jekt­be­schrei­bung

Pro­jekt­ge­gen­stand war die straf­recht­li­che Be­tei­li­gungs­leh­re in La­tein­ame­ri­ka. Das wis­sen­schaft­li­che Kon­zept des Pro­jekts be­ruh­te auf dem Kon­zept ei­nes zu­vor er­stell­ten rechts­ver­glei­chen­den Gut­ach­tens, das welt­weit klä­ren soll­te, wie das Straf­recht ver­schie­de­ne Ta­ten aus dem Ge­samt­tat­kom­plex ei­nes hier­ar­chisch or­ga­ni­sier­ten Netz­werks meh­re­rer Tat­be­tei­lig­ter und Straf­tä­ter­grup­pen de­ren Füh­rungs­per­so­nen zu­rech­net (vgl. das Pro­jekt „All­ge­mei­ne Rechts­grund­sät­ze des Völ­ker­straf­rechts zur straf­ba­ren Mit­wir­kung von Füh­rungs­per­so­nen in Straf­tä­ter­grup­pen und Netz­wer­ken“). Dar­an an­schlie­ßend, ging vor­lie­gen­des Re­gio­nal­pro­jekt da­von aus, dass je­de Län­der­rechts­ord­nung in La­tein­ame­ri­ka Ta­ten aus dem Ge­samt­tat­kom­plex den Füh­rungs­per­so­nen auf ei­ner ähn­li­chen Grund­la­ge zu­rech­net. Zur Prü­fung der Hy­po­the­se un­ter­such­te das Pro­jekt neun Rechts­ord­nun­gen La­tein­ame­ri­kas in drei Schrit­ten. Ers­tens er­fass­ten Lan­des­be­rich­te rechts­dog­ma­tisch die Zu­rech­nungs­grund­la­gen und rech­ne­ten die Tat­be­tei­li­gung von Füh­rungs­per­so­nen in ein­zel­nen Fall­kon­stel­la­tio­nen zu, bei de­nen kri­mi­nel­le Netz­wer­ke ei­ne Rol­le spiel­ten und ver­schie­de­ne Per­so­nen­grup­pen mit­wirk­ten. Zwei­tens kri­ti­sier­ten Ex­per­ten aus den ent­spre­chen­den Län­dern die Ent­wür­fe der Be­rich­te. Schließ­lich dis­ku­tier­te ein Sym­po­si­um in Ko­lum­bi­en die fer­tig­ge­stell­ten Be­rich­te und ih­re Kri­ti­ken.

Das Pro­jek­t­er­geb­nis be­stä­tig­te die Un­ter­su­chungs­hy­po­the­se. Al­le Rechts­ord­nun­gen rech­nen die Ta­ten aus dem Ge­samt­tat­kom­plex den Füh­rungs­per­so­nen auf ei­ner ähn­li­chen Grund­la­ge zu. Die meis­ten un­ter­schei­den zwi­schen Tä­ter­schaft und Teil­nah­me und ei­ne Mehr­heit wen­det da­bei die Tatherr­schafts­leh­re an. Ei­ni­ge Rechts­ord­nun­gen ori­en­tie­ren sich an der ita­lie­ni­schen Straf­rechts­dog­ma­tik, was al­ler­dings nicht be­deu­tet, dass das Ein­heits­tä­ter­prin­zip über­nom­men wird. Bei der Straf­zu­mes­sung wird mehr­heit­lich zwi­schen Tä­tern und An­stif­tern ei­ner­seits so­wie sons­ti­gen Teil­neh­mern (Ge­hil­fen) an­de­rer­seits dif­fe­ren­ziert, wo­bei für Letz­te­re die Stra­fe ge­mil­dert ist. Auch gibt es er­heb­li­che dog­ma­ti­sche Über­ein­stim­mun­gen mit dem deut­schen Mo­dell. Zum spe­zi­el­len Fall der Zu­rech­nung des Tat­bei­trags von Füh­rungs­per­so­nen auf Grund­la­ge der Theo­rie mit­tel­ba­rer Tä­ter­schaft durch Or­ga­ni­sa­ti­ons­herr­schaft kraft or­ga­ni­sa­to­ri­scher Macht­ap­pa­ra­te – be­son­ders bei Völ­ker­straf­ta­ten – er­gibt sich je­doch ein un­ein­heit­li­ches Bild. Hin­sicht­lich der im Völ­ker­straf­recht ent­wi­ckel­ten Rechts­fi­gur der Joint Cri­mi­nal En­ter­pri­se (JCE) ist das Er­geb­nis in­des ein­deu­tig – ins­be­son­de­re zur „drit­ten Ka­te­go­rie“ der JCE, d.h. für den Fall, dass ei­ner der Be­tei­lig­ten ei­ne Tat be­geht, die über das von den an­de­ren vor­ge­plan­te Ge­sche­hen hin­aus­geht. In die­sem Fall läuft die JCE-Zu­rech­nung auf ei­ne strict lia­bi­li­ty hin­aus. Im Ver­gleich hier­zu ist je­de der un­ter­such­ten Lö­sun­gen der la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Rechts­ord­nun­gen im dog­ma­ti­schen Sin­ne ge­gen­über der JCE wei­ter ent­wi­ckelt und in ih­rer Reich­wei­te ob­jek­tiv be­grenz­ter.

Spe­zi­ell zu dem – für die vor­lie­gen­de Un­ter­su­chung zen­tra­len – Pro­blem der Zu­rech­nung ma­kro­kri­mi­nel­ler Ta­ten zu Füh­rungs­per­so­nen un­ter den Tat­be­tei­lig­ten, be­leg­te ei­ne ge­son­der­te Un­ter­su­chung auch, dass die The­se von der Or­ga­ni­sa­ti­ons­herr­schaft kraft or­ga­ni­sa­to­ri­scher Macht­ap­pa­ra­te straf­rechts­dog­ma­tisch schlüs­sig und kri­mi­nal­po­li­tisch aus­dif­fe­ren­ziert das Pro­blem der Zu­rech­nung von Haupt­ver­ant­wort­lich­kei­ten für ma­kro­kri­mi­nel­le Ta­ten aus dem Ge­samt­tat­kom­plex ei­nes or­ga­ni­sier­ten Netz­werks meh­re­rer Tat­be­tei­lig­ter und Straf­tä­ter­grup­pen löst – auch im Straf­recht la­tein­ame­ri­ka­ni­scher Län­der und spe­zi­ell im Straf­recht Ko­lum­biens. Dog­ma­ti­sche Vor­be­hal­te, die die­sem Er­geb­nis das Au­to­no­mie­prin­zip ent­ge­gen­hal­ten, ar­gu­men­tie­ren oft zir­ku­lär und auf dem Ge­setz­lich­keits­prin­zip be­ru­hen­de Vor­be­hal­te in Ko­lum­bi­en er­wei­sen sich als dog­ma­tisch un­plau­si­bel. Viel­mehr ist die The­se von der Or­ga­ni­sa­ti­ons­herr­schaft zur recht­staat­li­chen Be­grün­dung der kri­mi­nal­po­li­ti­schen Aus­ge­stal­tung der straf­recht­li­chen Kom­po­nen­te ei­ner Tran­si­tio­nal Ju­sti­ce Po­li­tik be­son­ders ge­eig­net – spe­zi­ell für die ko­lum­bia­ni­sche Tran­si­tio­nal Ju­sti­ce Po­li­tik, die sich in in dem Ver­fas­sungs­än­de­rungs­ge­setz von 2012 über den „recht­li­chen Rah­men für den Frie­den“ in Ko­lum­bi­en ab­zeich­net.

Fi­nan­zie­rung

Alexander von Humboldt-Stiftung
GIZ
DAAD