In Zeiten fortschreitender Globalisierung treffen zunehmend Menschen mit unterschiedlichen Ehrvorstellungen zusammen. Daher untersucht das Projekt anhand von 14 Berichten aus ausgewählten Ländern die Bedeutung der Ehre in verschiedenen Aspekten des Strafrechts. Ein Querschnittsbericht zieht ein Fazit. Dabei zeigt sich z. B., dass es deutliche Unterschiede im System der Ehrverletzungstatbestände gibt oder dass Strafmilderungen für Ehrenmorde nur in wenigen Ländern gewährt werden.

In ei­ner Zeit fort­schrei­ten­der Glo­ba­li­sie­rung kom­men zu­neh­mend Men­schen aus un­ter­schied­li­chen Län­dern und Kul­tu­ren zu­sam­men. Da­bei tref­fen auch un­ter­schied­li­che Be­wer­tun­gen mensch­li­chen Ver­hal­tens auf­ein­an­der, die zu ken­nen nicht nur wis­sen­schaft­li­che, son­dern auch prak­ti­sche Be­deu­tung hat.

Der Be­griff "Eh­re" be­zeich­net einen Be­reich, in dem oft un­ter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen herr­schen. Eh­re und Ehr­ver­let­zung kön­nen in ver­schie­de­nen Pro­blem­krei­sen ei­ne Rol­le spie­len: bei Be­lei­di­gungs­de­lik­ten, er­lit­te­ner oder be­fürch­te­ter Ehr­ver­let­zung als Mo­tiv für ei­ne Straf­tat so­wie der Be­deu­tung im Straf­ver­fah­ren und bei den Stra­fen. Straf­rechts­ver­glei­chen­de Ar­bei­ten zur Eh­re zum Recht der Län­der, die die größ­ten Aus­län­der­grup­pen in Deutsch­land stel­len, näm­lich der Tür­kei, der Nach­fol­ge­staa­ten Ju­go­sla­wiens, Ita­li­ens und Spa­ni­ens, feh­len fast völ­lig. Ar­bei­ten zum The­ma, die sich mit fer­ne­ren, et­wa ost­asia­ti­schen Kul­tu­ren be­fas­sen, gibt es nicht.

Das Pro­jekt will er­mit­teln, wie an­de­re Rechts­sys­te­me die Rol­le der Eh­re im Straf­recht se­hen. Da­bei wer­den Auf­schlüs­se über die un­ter­schied­li­che Ge­wich­tung von Eh­re und Ehr­ver­let­zun­gen in ver­schie­de­nen Ge­sell­schaf­ten er­war­tet, die nicht nur wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­ge­winn be­deu­ten, son­dern das ge­gen­sei­ti­ge Ver­ste­hen die­ser Ge­sell­schaf­ten för­dern kön­nen.

In dem Pro­jekt wur­den - meist von ex­ter­nen Be­ar­bei­tern - ins­ge­samt 13 Lan­des­be­rich­te zu den fol­gen­den Staa­ten er­stellt: Aus­tra­li­en, Bra­si­li­en, Deutsch­land, Frank­reich, Is­rael, Ita­li­en, Ja­pan, Kroa­ti­en, Nor­we­gen, Po­len, Spa­ni­en, Tür­kei, USA so­wie fer­ner ein Über­blick zum Eh­ren­mord in nahöst­li­chen Staa­ten. Auf ih­rer Grund­la­ge wur­de ein rechts­ver­glei­chen­der Quer­schnitt er­ar­bei­tet.

Wäh­rend in den Com­mon Law Län­dern und den USA der Schutz der Eh­re ins­ge­samt schwach ist, be­steht im kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schen Recht ein de­tail­lier­tes In­stru­men­ta­ri­um zum Schutz der Eh­re, auch wenn die­ser zu­neh­mend durch Zi­vil- und Pres­se­recht er­folgt. Das deut­sche Sys­tem mit der Drei­glie­de­rung in Be­lei­di­gung, üb­le Nach­re­de und Ver­leum­dung ist eher die Aus­nah­me. Ty­pisch ist viel­mehr ein zwei­glied­ri­ges Sys­tem mit Be­lei­di­gung und üb­ler Nach­re­de. Der Kennt­nis der Un­wahr­heit ei­ner be­haup­te­ten Tat­sa­che, im deut­schen Recht das we­sent­li­che Merk­mal der Ver­leum­dung, kann in den meis­ten Län­dern nur durch die Straf­zu­mes­sung Rech­nung ge­tra­gen wer­den. In vie­len Län­dern ist das Zur­last­le­gen ei­ner Tat­sa­che das ent­schei­den­de Merk­mal der üb­len Nach­re­de, wäh­rend das Cha­rak­te­ris­ti­kum der Be­lei­di­gung das her­ab­set­zen­de Wert­ur­teil ist. Ei­ne an­de­re Lö­sung kennt z.B. das ita­lie­ni­sche Recht: Dort kommt es für das Vor­lie­gen ei­ner üb­len Nach­re­de auf die An­zahl der Per­so­nen an, de­nen ge­gen­über der Tä­ter die Eh­re ei­nes Drit­ten ver­letzt. Un­ter­schied­lich ist auch der Schutz bei Ver­stor­be­nen und bei ju­ris­ti­schen Per­so­nen. Die Ka­te­go­ri­en des­sen, was in­halt­lich als Ehr­ver­let­zung an­ge­se­hen wird, sind weit­ge­hend ähn­lich: Vor­wurf der Be­ge­hung ei­ner Straf­tat, ei­nes rechts­wid­ri­gen oder un­an­stän­di­gen Han­delns, ei­nes schuld­haf­ten Ver­sa­gens bei der Er­fül­lung ei­ner Pflicht. Wie die­se Merk­ma­le aber in­halt­lich "auf­zu­fül­len" sind, hängt stark von den ein­zel­nen Län­dern und ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen ab.

Eh­ren­mor­de kom­men nicht nur im Na­hen Os­ten und der Tür­kei vor, son­dern auch un­ter Mi­gran­ten in Län­dern wie Deutsch­land oder Schwe­den. Im Na­hen Os­ten wer­den auch heu­te noch er­heb­li­che Straf­mil­de­run­gen für der­ar­ti­ge Tä­ter ge­währt. In kei­nem der sons­ti­gen hier be­han­del­ten Län­der wird ei­ne mil­de­re Be­stra­fung des Tä­ters ak­zep­tiert, selbst wenn sie das recht­li­che In­stru­men­ta­ri­um zulie­ße.

Im Straf­pro­zess­recht sind die Re­ge­lun­gen, die sich als ehr­schüt­zend auf­fas­sen las­sen, re­la­tiv ähn­lich. Ei­ni­ge sind Aus­fluss der Un­schulds­ver­mu­tung, an­de­re schüt­zen das Pri­vat­le­ben des An­ge­klag­ten wie auch das des Zeu­gen. Bei den Stra­fen wird bis auf Son­der­fäl­le, in de­nen die Ver­öf­fent­li­chung von Ur­tei­len mög­lich ist, nicht mehr von – mög­li­cher­wei­se – an­pran­gern­den Stra­fen be­rich­tet, mit ei­ner Aus­nah­me: In den USA neh­men Stra­fen zu, bei de­nen die Pran­ger­wir­kung ge­zielt ein­ge­setzt wird.

Lan­des­be­richt­er­stat­ter/-in­nen

Aus­tra­li­en: Dr. Greg Tay­lor; Bra­si­li­en: Fau­zi Hassan Chou­kr; Deutsch­land: Dr. Tho­mas Win­ter; Frank­reich: Dr. Xa­vier Pin (Lan­des­be­richt in fran­zö­si­scher Spra­che); Is­rael: Dr. Kha­lid Gha­nayim; Ita­li­en: Prof. Dr. Gi­u­lio de Si­mo­ne, Ste­fa­no de Fran­ces­co; Ja­pan: Prof. Dr. Mit­su­ma­sa Mat­suo; Kroa­ti­en: Dr. Igor Bo­ja­nić; Nor­we­gen: Bjør­nar Bor­nik (Lan­des­be­richt in eng­li­scher Spra­che); Po­len: Dr. Ewa Wei­gend, Prof. Dr. Eleo­no­ra Zie­lińs­ka; Spa­ni­en: Prof. Dr. En­ri­que Ba­ci­ga­lu­po, Te­resa Man­so Por­to; Tür­kei: Dr. Sil­via Tel­len­bach; USA: Prof. Dr. Ca­mil­le Nel­son (Lan­des­be­richt in eng­li­scher Spra­che).