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Projekt 'Die Aussagefreiheit des Beschuldigten in der polizeilichen Befragung' bearbeiten

Die Selbstbelastungsfreiheit gehört zu den „Selbstverständlichkeiten“ eines fairen Verfahrens. Ihre Begründung ist allerdings umstritten. Eine nähere Betrachtung verschiedener Ansätze in den untersuchten Rechtsordnungen hat zu folgendem Ergebnis geführt: Die Aussagefreiheit des Beschuldigten in der polizeilichen Befragung hat zwar einen relativ sicheren Stellenwert, ihre Umsetzung trifft aber auf die robusten Belange einer wirksamen Strafrechtspflege. Die praktische Gewährung ist daher von diesem Spannungsverhältnis geprägt. Je nach der rechtspolitischen Ausrichtung einer Rechtsordnung variiert somit ihr Schutzumfang.

Der Be­schul­dig­te steht im Mit­tel­punkt des Straf­ver­fah­rens. Kenn­zeich­nend für sei­ne Rechts­stel­lung ist in den drei un­ter­such­ten Rechts­ord­nun­gen (Tür­kei, Deutsch­land, EMRK) der Grund­satz, dass der Be­schul­dig­te nicht ver­pflich­tet ist, an sei­ner Über­füh­rung mit­zu­wir­ken: ne­mo te­ne­tur se ip­sum ac­cusa­re. Al­ler­dings sind nicht nur die Be­grün­dung und der Schutz­um­fang die­ses Grund­satzes kon­tro­vers, son­dern es fehlt in vie­len Fäl­len ei­ne kla­re Kon­zep­tua­li­sie­rung sei­ner Gel­tungs­be­rei­che. Die vor­lie­gen­de Un­ter­su­chung ziel­te dar­auf ab, den ne­mo te­ne­tur-Grund­satz in den un­ter­such­ten Rechts­ord­nun­gen all­ge­mein un­ter den ge­nann­ten Aspek­ten und im Be­son­de­ren hin­sicht­lich der po­li­zei­li­chen Be­fra­gung nä­her zu be­leuch­ten. Über einen ho­ri­zon­ta­len und ver­ti­ka­len Rechts­ver­gleich soll­te ins­be­son­de­re ei­ne Me­ta­struk­tur der Aus­sa­ge­frei­heit ent­wi­ckelt wer­den.

Die Aus­sa­ge­frei­heit des Be­schul­dig­ten ist durch die EMRK ge­schützt: Wenn­gleich kras­se Ver­stö­ße ge­gen die Aus­sa­ge­frei­heit un­ter das Fol­ter- und Miss­hand­lungs­ver­bot nach Art. 3 fal­len kön­nen, wen­det der EGMR bei ge­ring­fü­gi­ge­rer Aus­übung von Druck Art. 6 Abs. 1 EMRK als Maß­stab für den Schutz vor Aus­sa­ge­zwang an. In die­sem Rah­men prüft er den „vo­lun­ta­ry cha­rac­ter“ ei­nes po­li­zei­li­chen Ge­ständ­nis­ses. Un­miss­ver­ständ­lich zum Aus­druck ge­bracht hat der EGMR fer­ner in sei­nem Allan-Ur­teil, dass das Schwei­ge­recht ei­nes Be­schul­dig­ten bei ver­deck­ten Er­mitt­lungs­me­tho­den et­wa dann ef­fek­tiv um­gan­gen wird, wenn die Er­mitt­lungs­or­ga­ne ihm durch An­wen­dung ei­ner Täu­schung be­las­ten­de Aus­sa­gen ent­lo­cken. Dar­über hin­aus sind als Schutz­rech­te der Aus­sa­ge­frei­heit der Recht­spre­chung des EGMR die In­for­ma­ti­ons- und Ge­währ­leis­tungs­rech­te an­er­kannt, wel­che aus der Auf­zäh­lung in Art. 6 Abs. 3 EMRK ent­nom­men wer­den kön­nen. Dies sind na­ment­lich die Be­leh­rung des Be­schul­dig­ten über die ge­gen ihn er­ho­be­nen Be­schul­di­gun­gen, das Schwei­ge­recht so­wie das Recht auf Ver­tei­di­ger­kon­sul­ta­ti­on und die Ge­wäh­rung des Zu­gangs zu ei­nem Ver­tei­di­ger. Schließ­lich ge­winnt die Gel­tung der Aus­sa­ge­frei­heit in der Recht­spre­chung des EGMR da­durch an Schär­fe, dass der Ge­richts­hof für Aus­sa­gen, die un­ter Ver­stoß ge­gen die ge­nann­ten Kon­ven­ti­ons­rech­te er­langt wor­den sind, u.U. ein Ver­wer­tungs­ver­bot for­dert.

Mit Blick auf die­se men­schen­recht­li­chen Vor­ga­ben wur­de die ein­schlä­gi­ge Rechts­an­wen­dung in Deutsch­land vom EGMR im Fall Gäf­gen ei­ner strik­ten Prü­fung un­ter­zo­gen. Ei­ne Ver­ur­tei­lung we­gen der Ver­let­zung des Rechts auf ein fai­res Ver­fah­ren war von deut­schen Ge­rich­ten er­folg­reich ab­ge­wen­det wor­den, in­dem die un­ter Fol­te­randro­hung er­lang­te Aus­sa­ge des Be­schul­dig­ten im kon­kre­ten Fall für un­ver­wert­bar er­klärt wor­den war. Bei der Fra­ge der Fern­wir­kung scheint die deut­sche Recht­spre­chung al­ler­dings in ge­wis­sen Fäl­len hin­ter den An­for­de­run­gen des Art. 6 Abs. 1 EMRK zu­rück­zu­blei­ben. Da­ge­gen hat der BGH im Hin­blick auf die Gren­zen ei­ner ver­deck­ten Be­fra­gung des Be­schul­dig­ten ei­ne be­mer­kens­wer­te An­nä­he­rung an Straß­burg er­zielt.

Ei­ne ähn­li­che Rechts­an­nä­he­rung fand/fin­det in der Tür­kei be­dau­er­li­cher­wei­se nicht statt, ob­wohl sie mehr­mals we­gen Ver­stö­ßen ge­gen die Aus­sa­ge­frei­heit sei­tens des EGMR ver­ur­teilt wur­de. Mar­kan­te Un­zu­läng­lich­kei­ten stell­te der Ge­richts­hof be­züg­lich nach Art. 3 EMRK ver­bo­te­nen Ver­neh­mungs­me­tho­den fest. Die tür­ki­sche Re­gie­rung rea­gier­te dar­auf in zwei­er­lei Hin­sicht: durch die An­kün­di­gung ei­ner „Null-To­le­ranz“-Po­li­tik ge­gen Fol­ter und Miss­hand­lun­gen in Po­li­zei­ge­wahr­sam und die In­kraft­set­zung ei­ner neu­en Straf­pro­zess­ord­nung im Jahr 2005, die die Rech­te des Be­schul­dig­ten in der po­li­zei­li­chen Be­fra­gung be­acht­lich aus­bau­te. Die Un­ter­su­chungs­er­geb­nis­se be­le­gen al­ler­dings, dass ins­be­son­de­re der tür­ki­sche Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof trotz des gel­ten­den tür­ki­schen Rechts und der Recht­spre­chungs­vor­ga­ben aus Straß­burg die Aus­sa­ge­frei­heit des Be­schul­dig­ten nur un­zu­rei­chend be­ach­tet.

Schließ­lich hat das Dis­ser­ta­ti­ons­pro­jekt her­aus­ge­ar­bei­tet, dass sich die Aus­sa­ge­frei­heit des Be­schul­dig­ten in der po­li­zei­li­chen Be­fra­gung