Wieviel "Dreck am Stecken" kann man haben, ohne sich die Finger schmutzig zu machen? – So könnte man grob und ein wenig provokant die Sachfrage umschreiben, um die es in diesem Projekt geht: Möglichkeiten und Grenzen strafrechtlicher Reaktion auf organisierte Straftaten, die durch gut abgeschottete Hintermänner gesteuert werden. Diese Problemstellung beruht darauf, dass die arbeitsteilige Vorgehensweise in einer komplexen kriminellen Organisationsstruktur zu umfassenden Zurechnungs- und Beweisproblemen führen kann. Müssen Ermittler und Gerichte kapitulieren, weil den Hintermännern eine konkrete Anstiftungshandlung oder ein Vorsatz im Hinblick auf die begangenen Straftaten nicht nachweisbar ist oder weil nicht festgestellt werden kann, wer von den verschiedenen Mitgliedern einer Organisation für ein konkretes Tatgeschehen verantwortlich ist? Müssen Hintermänner milder bestraft werden, weil sie die Tat nicht eigenhändig durchgeführt haben? Solche Fragen stellen sich etwa im Bereich des Terrorismus, wo einzelnen Tätern zwar die Unterstützung einer Terrorgruppe nachgewiesen werden kann, nicht jedoch die Mitwirkung an bestimmten schweren Straftaten. Entsprechende Probleme treten typischerweise auch im Bereich des Völkerstrafrechts auf, so derzeit in mehreren Verfahren vor dem Jugoslawien-Tribunal. Diese Verfahren gaben dem Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht den Anlass für ein umfangreiches rechtsvergleichendes Projekt, das vor allem der Frage gewidmet ist, wie nationale Rechtsordnungen das strafbare Zusammenwirken von Personen in verschiedenen Gruppen erfassen und einordnen, insbesondere hinsichtlich hochrangiger Personen, die im Hintergrund operieren und an der Tatausführung nicht unmittelbar beteiligt sind.

For­schungs­ge­gen­stand

For­schungs­ge­gen­stand die­ses Pro­jekts ist die straf­recht­li­che Er­fas­sung der Mit­wir­kung an ei­ner Tat un­ter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung der Straf­bar­keit von Per­so­nen, die kom­ple­xe, ar­beits­tei­lig agie­ren­de Grup­pie­run­gen an­füh­ren. Ein ty­pi­sches Bei­spiel ist die Be­ge­hung von Straf­ta­ten an Zi­vil­per­so­nen in Kriegs- und kriegs­ähn­li­chen Si­tua­tio­nen, et­wa durch Po­li­zei und pa­ra­mi­li­tä­ti­sche Grup­pie­run­gen im ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en. Die­se Kri­mi­na­li­tät im Zu­sam­men­hang mit kol­lek­ti­ver Ge­walt stellt das Straf­recht vor spe­zi­el­le Zu­rech­nungs- und Be­weis­pro­ble­me. Die ent­spre­chen­den Fäl­le be­tref­fen zum einen die Mit­wir­kung von Per­so­nen, die das Ge­sche­hen aus dem Hin­ter­grund steu­ern, in­dem sie sich auf ei­ne ar­beits­tei­li­ge Or­ga­ni­sa­ti­on oft hier­ar­chisch struk­tu­rier­ter Ver­bän­de stüt­zen. Zum an­de­ren kann häu­fig nicht fest­ge­stellt wer­den, wel­che der zahl­rei­chen an der Or­ga­ni­sa­ti­on be­tei­lig­ten Per­so­nen im Ein­zel­nen an wel­cher Tat be­tei­ligt sind. Par­al­le­len da­zu fin­den sich be­kann­ter­ma­ßen in der Staats­kri­mi­na­li­tät, der Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät und der Or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät, aber auch im Ter­ro­ris­mus.

Pro­jekt­zie­le

Das Pro­jekt be­steht aus zwei Teil­pro­jek­ten: dem Pro­jekt "Rechts­grund­la­gen der Tat­be­tei­li­gung" und dem Pro­jekt "Re­geln der Tat­be­tei­li­gung im Völ­ker­straf­recht". An­lass für das Ge­samt­pro­jekt war ein Gut­ach­ten­auf­trag der An­kla­ge­be­hör­de des In­ter­na­tio­na­len Straf­tri­bu­nals für das ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en (Of­fi­ce of The Pro­se­cu­tor – In­ter­na­tio­nal Cri­mi­nal Tri­bu­nal for the For­mer Yu­go­sla­via, OTP–IC­TY). Die OTP be­auf­trag­te das In­sti­tut, ei­ne Aus­wahl grund­le­gen­der, im Völ­ker­straf­recht nicht ge­re­gel­ter Rechts­pro­ble­me zur straf­recht­li­chen Ein­ord­nung der Mit­wir­kung an ei­ner Tat in Rechts­ord­nun­gen aus den be­deu­tends­ten Rechts­krei­sen der Welt und re­prä­sen­ta­tiv für al­le fünf Kon­ti­nen­te zu un­ter­su­chen und de­ren Lö­sun­gen zu ver­glei­chen. Ge­fragt wird ins­ge­samt da­nach, wie na­tio­na­les Straf­recht die Be­tei­li­gung an ei­ner Straf­tat re­gelt, wenn dar­an meh­re­re, grup­pen­wei­se or­ga­ni­sier­te Per­so­nen mit­wir­ken. Im Mit­tel­punkt des In­ter­es­ses ste­hen da­bei hoch­ran­gi­ge Per­so­nen, die im Hin­ter­grund ope­rie­ren und an der Tat­aus­füh­rung nicht un­mit­tel­bar be­tei­ligt sind.

Ziel des ers­ten Pro­jekts "Rechts­grund­la­gen der Tat­be­tei­li­gung" ist es zu­nächst, durch Lan­des­be­rich­te von In­sti­tuts­mit­ar­bei­tern und aus­wär­ti­gen Ex­per­ten für welt­weit mehr als 40 Rechts­ord­nun­gen das Wis­sen über die Grund­la­gen der Be­tei­li­gungs­re­geln im Kon­text kom­ple­xer, ar­beits­tei­lig or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät zu er­ar­bei­ten. Die auf die­se Wei­se zu­sam­men­ge­tra­ge­nen Er­kennt­nis­se die­nen auf der Ebe­ne des je­wei­li­gen na­tio­na­len Rechts nicht nur der Lö­sung der von der OTP vor­ge­leg­ten Fra­gen, son­dern kön­nen auch für den Um­gang mit Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät, Or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät und Ter­ro­ris­mus Auf­schluss ge­ben und las­sen nicht zu­letzt grund­le­gen­de In­for­ma­tio­nen über die Re­geln der Mit­wir­kung an ei­ner Straf­tat im aus­län­di­schen Straf­recht er­war­ten. Ein zwei­tes Ziel be­steht dar­in, an­ge­sichts der Kom­ple­xi­tät der Fra­ge­stel­lung Me­tho­den­fra­gen der Straf­rechts­ver­glei­chung – et­wa im Hin­blick auf ver­glei­chen­de Fall­ana­ly­sen – zu un­ter­su­chen und wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Mit dem zwei­ten Pro­jekt "Re­geln der Tat­be­tei­li­gung im Völ­ker­straf­recht" soll dann ge­prüft wer­den, in­wie­weit die er­ar­bei­te­ten Grund­la­gen als all­ge­mei­ne Rechts­grund­sät­ze ("ge­ne­ral prin­cip­les of law") auf das Völ­ker­straf­recht über­trag­bar sind. Da­mit soll ein Bei­trag zur Wei­ter­ent­wick­lung des Völ­ker­straf­rechts in Wis­sen­schaft und Pra­xis ge­leis­tet wer­den.

Me­tho­de

Das Pro­jekt stand zu­nächst vor der Auf­ga­be, die Gut­ach­ten­fra­ge der OTP in einen rechts­ver­glei­chen­den For­schungs­plan zu über­tra­gen. Die Tie­fe und Kom­ple­xi­tät der Rechts­pro­ble­me so­wie die Un­ter­schied­lich­keit der ein­zu­be­zie­hen­den Rechts­ord­nun­gen er­for­der­te grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zur Me­tho­dik der Straf­rechts­ver­glei­chung. An­knüp­fend an an­de­re me­tho­de­n­ori­en­tier­te For­schungs­pro­jek­te zur Straf­rechts­ver­glei­chung wur­de die Gut­ach­ten­fra­ge als ein um­fas­sen­der For­schungs­auf­trag zur recht­li­chen Be­wer­tung von Tat­bei­trä­gen ver­schie­de­ner Art so­wie zu den stig­ma­ti­sie­ren­den Fol­gen ih­rer je­wei­li­gen straf­recht­li­chen Be­ur­tei­lung ver­stan­den. In ei­nem ers­ten Be­ar­bei­tungs­schritt wur­de zu je­dem Land durch Ana­ly­se von Ge­setz­ge­bung, Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur die je­wei­li­ge Kon­zep­ti­on der Be­tei­li­gungs­re­geln in­ner­halb des Ge­samt­sys­tems der na­tio­na­len Straf­rechts­ord­nung er­mit­telt. Im Hin­blick auf die spä­te­re Auf­ga­be des Ver­glei­chens muss­te die­se Auf­be­rei­tung des Ma­te­ri­als ein­heit­li­chen Vor­ga­ben ent­spre­chen. Dies be­deu­te­te, als Vor­ga­be an die Lan­des­be­richt­er­stat­ter die­je­ni­gen Sach­fra­gen her­aus­zu­ar­bei­ten, die sich al­len ein­be­zo­ge­nen Rechts­ord­nun­gen stel­len. Auf die­ser Grund­la­ge konn­ten dann die Über­ein­stim­mun­gen von und die Un­ter­schie­de zwi­schen den un­ter­such­ten Lö­sun­gen aus der je­wei­li­gen Straf­rechts­ord­nung be­stimmt, ein­ge­ord­net so­wie be­grün­det und dar­aus all­ge­mei­ne, al­le Rechts­ord­nun­gen über­grei­fen­de Struk­tur­prin­zi­pi­en ab­ge­lei­tet wer­den. Als Er­geb­nis ei­ner der­ar­ti­gen rechts­ver­glei­chen­den Be­stands­auf­nah­me wa­ren et­li­che struk­tu­rell un­ter­schied­li­che, je­doch je­weils in sich schlüs­si­ge und des­halb ver­mut­lich funk­tio­nell gleich­wer­ti­ge Kon­zep­te der Be­tei­li­gungs­leh­re zu er­war­ten.

In ei­ner zwei­ten Stu­fe wur­de die Gut­ach­ten­fra­ge in ty­pi­sier­te Fall­grup­pen um­ge­setzt. Im We­ge der Ana­ly­se von spe­zi­ell zu die­sen Fall­grup­pen ge­bil­de­ten Sach­ver­hal­ten wur­de dann in je­der der ein­be­zo­ge­nen Rechts­ord­nun­gen ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild zu der Gut­ach­ten­fra­ge er­stellt, als dies mit dem ers­ten sys­tem­ana­ly­ti­schen An­satz mög­lich war. Die­se Vor­ge­hens­wei­se er­laub­te den Lan­des­be­richt­er­stat­tern – und er­war­te­te von die­sen – die An­wen­dung der er­ar­bei­te­ten theo­re­ti­schen Kon­zep­te auf be­stimm­te Sach­ver­hal­te und da­mit de­ren Be­wäh­rung in der Pra­xis. Zu­dem lie­ßen sich so Rechts­fra­gen ein­deu­tig und un­ab­hän­gig von ei­ner be­stimm­ten na­tio­na­len ju­ris­ti­schen Ter­mi­no­lo­gie for­mu­lie­ren und so Miss­ver­ständ­nis­sen sei­tens der Lan­des­be­richt­er­stat­ter vor­beu­gen. Um­ge­kehrt wur­de aber auch für die spä­te­re Aus­wer­tung die Ge­fahr mi­ni­miert, durch ein von der ei­ge­nen Rechts­ord­nung des Ana­lys­ten ge­präg­tes Vor­ver­ständ­nis Fehl­vor­stel­lun­gen zu er­lie­gen. Die für die Ana­ly­se ver­wen­de­ten Fäl­le wur­den un­ter Be­rück­sich­ti­gung die­ser wis­sen­schaft­li­chen An­lie­gen in en­ger Ab­stim­mung mit der OTP ent­wi­ckelt.

For­schungs­plan

Der For­schungs­plan für das ers­te Pro­jekt „Rechts­grund­la­gen der Tat­be­tei­li­gung“ geht nach dem in der Rechts­ver­glei­chung be­währ­ten Mus­ter vor, zu­nächst die na­tio­na­le Rechts­la­ge in Lan­des­be­rich­ten zu er­fas­sen, um sie dann in ei­nem Quer­schnitt ver­glei­chend zu ana­ly­sie­ren und ein­zu­ord­nen. Den me­tho­di­schen Über­le­gun­gen fol­gend ent­hält das Kon­zept zur Er­fas­sung der Rechts­la­ge in den ein­zel­nen Län­dern einen sys­te­ma­ti­schen Teil, der ei­ner ein­heit­li­chen Grob­glie­de­rung folgt, so­wie einen Fall­teil, der die Sach­fra­gen der Un­ter­su­chung in ty­pi­sier­ten Fall­grup­pen be­han­delt. Der sys­te­ma­ti­sche Teil baut auf Vor­ar­bei­ten der Pi­lot­grup­pe zum For­schungs­pro­jekt "Max-Planck-In­for­ma­ti­ons­sys­tem für Straf­rechts­ver­glei­chung" (sog. vir­tu­el­les In­sti­tut) auf. Der Fall­teil be­ruht auf Fall­kon­stel­la­tio­nen, die für die kol­lek­ti­ve Ge­walt wäh­rend der 1990er Jah­re auf dem Bal­kan ty­pisch sind, so­wie auf wei­te­ren Fäl­len ar­beits­tei­lig or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät. Bei­de Tei­le wer­den nach Ab­schluss der Aus­wer­tung in dem rechts­ver­glei­chen­den Quer­schnitt zu­sam­men­ge­führt.

Das Kon­zept für die Lan­des­be­rich­te sieht im ers­ten sys­te­ma­ti­schen Teil ein Vor­ge­hen in fünf Schrit­ten vor. Den ein­lei­ten­den Klar­stel­lun­gen zur ver­wen­de­ten Ter­mi­no­lo­gie und Dar­le­gun­gen über die his­to­ri­sche En­wick­lung der Rechts­la­ge bis zum je­weils gel­ten­den Recht (1) fol­gen Aus­füh­run­gen zu Grund­struk­tur und Funk­tio­nen des Be­tei­li­gungs­mo­dells (2). Auf die­ser Grund­la­ge wer­den dann die ein­zel­nen Mit­wir­kungs­for­men hin­sicht­lich Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen de­tail­liert dar­ge­stellt (3). Dar­an an­schlie­ßend wer­den (4) et­wai­ge Aus­wir­kun­gen der Ein­ord­nung des Tat­bei­trags in die ein­zel­nen Be­tei­li­gungs­for­men auf der Rechts­fol­gen­sei­te ge­klärt (Strafrah­men­ver­schie­bung, Straf­mil­de­rung bzw. -schär­fung). Schließ­lich sind (5) ver­schie­de­ne Ein­zel­fra­gen wie bei­spiels­wei­se die Mit­wir­kung an De­lik­ten mit be­son­de­ren Tä­ter- oder Ab­sichts­merk­ma­len ab­zu­han­deln, die sich der Sa­che nach un­ab­hän­gig vom je­wei­li­gen Re­ge­lungs­mo­dell der Tat­be­tei­li­gung stel­len.

Der Fall­teil be­steht aus zwei Mo­dell­fäl­len mit je­weils et­li­chen Ab­wand­lun­gen. Mit dem ers­ten ("Ban­den­chef-Fall") sol­len die Aus­sa­gen im sys­te­ma­ti­schen Teil an ei­nem Fall ge­wöhn­li­cher Ban­den­kri­mi­na­li­tät kon­kre­ti­siert und über­prüft wer­den. Im Aus­gangs­fall neh­men un­ter Füh­rung des im Hin­ter­grund blei­ben­den Ban­den­chefs A ver­schie­de­ne Be­tei­lig­te un­ter­schied­li­che Funk­tio­nen bei der Durch­füh­rung ei­ner Straf­tat wahr. Die­ser Fall bil­det ty­pi­sche Fra­gen im Zu­sam­men­hang mit der Tat­be­tei­li­gung meh­re­rer Per­so­nen in ver­schie­de­nen Rol­len (B-H) un­ter der Lei­tung ei­ner Zen­tral­fi­gur (A) und der Mit­wir­kung ei­nes Au­ßen­ste­hen­den (X) ab. Die fol­gen­de Skiz­ze ver­an­schau­licht die­se Or­ga­ni­sa­ti­onss­truk­tur:

Skizze zur Organisationsstruktur

Skiz­ze zur Or­ga­ni­sa­ti­onss­truk­tur

Da­bei sind Tat­bei­trä­ge un­ter­schied­li­chen Ge­wichts ent­hal­ten, die zu ver­schie­de­nen Zeit­punk­ten im Ver­lauf des Ge­samt­ge­sche­hens ge­leis­tet wer­den. Ty­pi­sche Fra­gen der Zu­re­chung frem­den Ver­hal­tens so­wie von Ei­gen­schaf­ten der un­mit­tel­bar an der Tat­aus­füh­rung be­tei­lig­ten Per­son auf die Zen­tral­fi­gur im Hin­ter­grund wer­den in Ab­wand­lun­gen des Aus­gangs­sach­ver­halts be­han­delt. Wei­te­re Ab­wand­lun­gen be­schäf­ti­gen sich mit der Ver­ant­wort­lich­keit der Zen­tral­fi­gur, wenn de­ren Vor­der­leu­te gleich­sam "aus dem Ru­der lau­fen" oder wenn nicht fest­ge­stellt wer­den kann, wer von den Vor­der­leu­ten ei­ne be­stimm­te Tat be­gan­gen hat.

Dem zwei­ten Mo­dell­fall ("Netz­werk-Fall") liegt die kom­ple­xe Struk­tur ei­nes netz­werk­ar­tig or­ga­ni­sier­ten Ver­bunds ver­schie­de­ner Grup­pen mit un­ter­schied­li­chen Pla­nungs- und Aus­füh­rungs­ebe­nen zu Grun­de. Er ist Struk­tu­ren nach­ge­bil­det, wie es sie im ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en ge­ge­ben hat. Die­se be­stan­den aus mi­li­tä­ri­schen, po­li­zei­li­chen und sons­ti­gen pri­va­ten Grup­pie­run­gen, de­ren je­wei­li­ge An­füh­rer mit­ein­an­der ko­ope­rier­ten und es sich zum Ziel setz­ten, ge­gen Tei­le der Zi­vil­be­völ­ke­rung – ins­be­son­de­re eth­ni­sche Min­der­hei­ten – vor­zu­ge­hen bis hin zu de­ren Ver­trei­bung und Er­mor­dung. Die fol­gen­de Skiz­ze ver­deut­licht die Struk­tur ei­nes sol­chen Netz­werks:

Netzwerkstruktur

Netz­werk­struk­tur

Der Aus­gangs­sach­ver­halt und ei­ne Ab­wand­lung be­tref­fen Fra­gen zur Tat­be­tei­li­gung et­li­cher Per­so­nen in ver­schie­de­nen Rol­len und auf meh­re­ren Ebe­nen, die sich aus der un­ter­schied­li­chen In­ten­si­tät der Ein­fluss­nah­me in­ner­halb ei­ner hier­ar­chisch or­ga­ni­sier­ten Struk­tur und aus der ver­ti­ka­len Ent­fer­nung zwi­schen der obers­ten Ebe­ne und der Ebe­ne er­ge­ben, auf der die Tat un­mit­tel­bar aus­ge­führt wird. Wei­te­re Ab­wand­lun­gen be­han­deln Zu­rech­nungs­fra­gen im Zu­sam­men­hang mit den Ziel­set­zun­gen des Netz­werks, mit Vor­sat­zun­ter­schie­den und mit dem Feh­len von be­son­de­ren Ab­sichts­merk­ma­len bei den Netz­werk­be­tei­lig­ten, mit der ho­ri­zon­ta­len Ent­fer­nung un­ter­ein­an­der so­wie mit Be­weis­pro­ble­men für Ta­ten, die aus dem Netz­werk her­aus be­gan­gen wer­den, für die je­doch die un­mit­tel­bar an der Tat­aus­füh­rung be­tei­lig­te Per­son nicht fest­ge­stellt wer­den kann.

Das zwei­te Pro­jekt "Re­geln der Tat­be­tei­li­gung im Völ­ker­straf­recht" wird zu­nächst die gel­ten­de Rechts­la­ge im Völ­ker­straf­recht un­ter­su­chen. Die Er­geb­nis­se wer­den an­schlie­ßend mit de­nen des Pro­jekts "Rechts­grund­la­gen der Tat­be­tei­li­gung" ver­gli­chen, um so die ge­gen­wär­ti­ge Re­ge­lung der Mit­wir­kung an ei­ner Straf­tat im Völ­ker­straf­recht zu be­wer­ten und rechts­po­li­ti­sche Schluss­fol­ge­run­gen für Re­for­men zu zie­hen. Die Un­ter­su­chung zur Er­fas­sung der gel­ten­den Rechts­la­ge im Völ­ker­straf­recht wird in fünf Schrit­ten vor­ge­hen: Zu­erst wird (1) die Ent­wick­lung hin zur straf­recht­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit von In­di­vi­du­en er­ör­tert. An­schlie­ßend wird (2) die grund­le­gen­de Struk­tur des Be­tei­li­gungs­mo­dells im Völ­ker­straf­recht un­ter­sucht. Vor die­sem Hin­ter­grund sind dann (3) die ein­zel­nen Be­tei­li­gungs­for­men und ih­re Vor­aus­set­zun­gen de­tail­liert zu ana­ly­sie­ren. Da­nach (4) wird die Ein­ord­nung des Tat­bei­trags in ei­ne Be­tei­li­gungs­form auf ih­re Fol­gen für die Straf­hö­he zu un­ter­su­chen sein. Schließ­lich wer­den (5) Spe­zi­al­pro­ble­me der Be­tei­li­gung am Völ­ker­mord so­wie zeit­li­che Aspek­te der Mit­wir­kung an ei­ner Völ­ker­straf­tat er­ör­tert.

Stand der Be­ar­bei­tung

Den ak­tu­el­len Stand der Be­ar­bei­tung so­wie ers­te Er­geb­nis­se kön­nen Sie ei­ner ei­ge­nen Sei­te ent­neh­men.

Pla­nung

Nach Ab­schluss des Gut­ach­tens für die OTP mit der rechts­ver­glei­chen­den Ana­ly­se des sys­te­ma­ti­schen Teils be­steht für die Lan­des­be­richt­er­stat­ter die Mög­lich­keit zu Er­gän­zun­gen ih­rer Be­rich­te im Hin­blick auf die Buch­pu­bli­ka­ti­on. Im Früh­jahr 2006 wird mit dem Ein­gang der rest­li­chen Lan­des­be­rich­te ge­rech­net, so dass schließ­lich 44 Rechts­ord­nun­gen von dem Pro­jekt er­fasst sein wer­den. Das ers­te Pro­jekt soll En­de 2006 mit der Ver­öf­fent­li­chung in meh­re­ren Teil­bän­den ab­ge­schlos­sen wer­den.

Das zwei­te Pro­jekt be­steht aus der spe­zi­fisch völ­ker­straf­recht­li­chen Un­ter­su­chung (Paul Rab­bat, Jan-Mi­cha­el Si­mon) so­wie dem dar­an an­schlie­ßen­den Ver­gleich der Rechts­grund­la­gen der Tat­be­tei­li­gung mit der gel­ten­den Rechts­la­ge im Völ­ker­straf­recht und de­ren Be­wer­tung (Ul­rich Sie­ber). Ers­te Er­geb­nis­se sol­len En­de 2006 vor­lie­gen. Die Pu­bli­ka­ti­on des zwei­ten Pro­jekts soll dann 2007 er­fol­gen.

Be­ar­bei­te­rin­nen und Be­ar­bei­ter

Netzwerk der Bearbeiterinnen und Bearbeiter

- In­sti­tuts­mit­ar­bei­ter/-in­nen:

Ka­rin Cor­nils (Schwe­den), Marc En­gel­hart (Deutsch­land), Pa­blo Ga­lain Pa­ler­mo (Uru­guay), Ca­ro­lin Holzapfl (Por­tu­gal), Kon­stan­ze Jar­vers (Ita­li­en), Iri­ni Ki­ria­ka­ki (Grie­chen­land), Nan­dor Knust (Côte d'Ivoi­re), Ado­me Blai­se Kouas­si (Côte d'Ivoi­re), Ju­li­et­te Le­lieur-Fi­scher (Frank­reich), Te­resa Man­so Por­to (Spa­ni­en), Peg­gy Pfütz­ner (Frank­reich), Tho­mas Rich­ter (Chi­na), Pe­ter Ro­lofs (Russ­land), Ul­rich Sie­ber (Deutsch­land), Emi­ly Sil­ver­man (Ver­ei­nig­te Staa­ten von Ame­ri­ka), Mi­suk Son (Süd-Ko­rea), Sa­rah Sum­mers (Schott­land), Sil­via Tel­len­bach (Tür­kei), Ewa Wei­gend (Po­len), In­ge­borg Zer­bes (Ös­ter­reich).

- Ex­ter­ne Be­ar­bei­ter/-in­nen:

Jack An­der­son (Eng­land), Fer­n­an­do Ar­ne­do (Ar­gen­ti­ni­en), Sa­ra­rard Ar­quint (Schweiz), Dr. Jus­tus Bens­eler (Ka­na­da), Gastón Cha­ves Hon­tou (Uru­guay), Prof. h.c. Dr. Dr. En­ri­que Díaz-Aran­da (Me­xi­ko), Jan Do­bin­son (Aus­tra­li­en), Ge­ne­ral­staats­an­walt Prof. Dr. Ni­ko­la Fil­chev (Bul­ga­ri­en), Prof. Vagn Gre­ve (Dä­ne­mark), Prof. Ema­nu­el Gross (Is­rael), Ben Ju­ra­to­witch (Eng­land), Prof. Dr. Vla­do Kam­bovski (Ma­ke­do­ni­en), Dr. Phil­ip­pe Ke­bou (Ka­me­run), Mo­ni­ca Kop­che­va (Bul­ga­ri­en), Prof. Dr. Damjan Ko­rošec (Slo­we­ni­en), An­drew Legg (Eng­land), Dr. Ka­ta­lin Li­ge­ti (Un­garn), Mar­tín Ma­gram (Ar­gen­ti­ni­en), Al­mir Mal­je­vić, LL.M. (Bos­ni­en und Her­ze­go­wi­na), Mag. Ma­sats­una Mo­ri­na­ga (Ja­pan), Sal­va­dor Mil­la­leo (Chi­le), Prof. Dr. Jan Mu­sil (Tsche­chi­sche Re­pu­blik), Prof. Dr. Pe­tar No­vo­se­lec (Kroa­ti­en), Prof. Da­niel Nse­re­ko (Bots­wa­na), Mo­ha­med C. Oth­man (Tan­sa­nia), Mag. iur. Paa­vo Rand­ma (Est­land), Prof. Dr. Ana Lu­cia Sabadell (Bra­si­li­en), Mo­hammad Sa­dr Tou­hid-Kha­ne (Iran), Prof. Dr. Die­ter Schaff­meis­ter (Nie­der­lan­de), Dr. Ul­ri­ke Schit­ten­helm (Russ­land), Axel Schwarz (Ser­bi­en und Mon­te­ne­gro), Prof. Dr. Iva­na Si­mo­vic-Hi­ber (Ser­bi­en und Mon­te­ne­gro), Prof. Dr. Jan Soo­tak (Est­land), Prof. Dr. Carel Rai­ner Sny­man (Süd­afri­ka), Ra­vin­der Thu­kral (Eng­land), Pa­blo Ve­ga (Ar­gen­ti­ni­en), Shlo­mit Wal­ler­stein (Eng­land), Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Eu­ge­nio Raúl Zaf­faro­ni (Ar­gen­ti­ni­en).