Patientengeheimnisse befinden sich heute nicht mehr nur im Besitz von Berufsgeheimnisträgern, sondern auch in der Hand ihrer EDV-Techniker oder ihrer externen EDV-Dienstleister. Aufgrund der strafrechtlichen Regelung der ärztlichen Schweigepflicht in § 203 StGB arbeiten Berufsgeheimnisträger und die EDV-Serviceindustrie dabei allerdings häufig im Grenzbereich des strafbaren Verhaltens. Demgegenüber stehen die Patienten vor dem Problem, dass ihre Geheimnisse in vielen Fällen nicht mehr ausreichend geschützt sind. Die geltende Rechtslage ist daher für alle Beteiligten unbefriedigend und verlangt nach einer Lösung.

For­schungs­ge­gen­stand die­ses Pro­jekts sind straf­recht­li­che Fra­gen der Ver­let­zung von Pri­vat­ge­heim­nis­sen (§ 203 StGB) bei der Ver­ar­bei­tung von Pa­ti­en­ten­ge­heim­nis­sen in EDV-Sys­te­men, auf die Drit­te zu­grei­fen kön­nen. Recht­stat­säch­li­che Er­he­bun­gen ha­ben ge­zeigt, dass Ärz­te, Kran­ken­häu­ser und Kran­ken­ver­si­che­rer Pa­ti­en­ten­da­ten in ei­ge­nen oder frem­den EDV-Sys­te­men spei­chern. Die­se Sys­te­me müs­sen von Tech­ni­kern ge­war­tet und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den. Der Zu­griff auf die ge­spei­cher­ten und über die ärzt­li­che Schwei­ge­pflicht ge­schütz­ten Pa­ti­en­ten­da­ten durch Tech­ni­ker ist da­bei eben­so un­ver­meid­bar wie die Not­wen­dig­keit des Ein­sat­zes von EDV im Ge­sund­heits­we­sen aus Grün­den der Qua­li­täts­si­che­rung und Wirt­schaft­lich­keit un­ver­zicht­bar ist. Mit der elek­tro­ni­schen Pa­ti­en­ten­kar­te wird sich die­se Ent­wick­lung noch ver­stär­ken.

Das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen der Not­wen­dig­keit ei­nes EDV-Ein­sat­zes ei­ner­seits und dem Schutz von Pa­ti­en­ten­ge­heim­nis­sen an­de­rer­seits ist da­bei für al­le Be­tei­lig­ten in § 203 StGB un­ge­nü­gend ge­re­gelt. Für die Pa­ti­en­ten ist die gel­ten­de Rechts­la­ge un­be­frie­di­gend, weil der Schutz ih­rer Pa­ti­en­ten­ge­heim­nis­se über § 203 StGB durch die for­mu­lar­mä­ßi­ge Ein­wil­li­gung zur Wei­ter­ga­be ih­rer Da­ten an Drit­te weit­ge­hend ent­fällt. Aus der Sicht von Ärz­ten, Kran­ken­häu­sern, Kran­ken­ver­si­che­run­gen und der EDV-Ser­vice­in­dus­trie be­hin­dert die ge­gen­wär­ti­ge Fas­sung des § 203 StGB da­ge­gen in vie­len Fäl­len einen für die Wirt­schaft­lich­keit und den Schutz der Be­rufs­ge­heim­nis­se op­ti­ma­len Ein­satz von EDV.

Die vor­lie­gen­de Ana­ly­se zeigt, dass al­le tech­ni­schen, or­ga­ni­sa­to­ri­schen und ver­trag­li­chen Mög­lich­kei­ten, die un­be­frie­di­gen­de Si­tua­ti­on der Be­tei­lig­ten de le­ge la­ta zu ver­bes­sern, nur punk­tu­ell Ab­hil­fe schaf­fen und kei­ne Rechts­si­cher­heit ge­währ­leis­ten kön­nen. Ei­ne für den Be­reich des Ge­sund­heits­we­sens be­frie­di­gen­de Lö­sung ist da­her nur durch ei­ne Neu­re­ge­lung von § 203 StGB un­ter Ein­be­zie­hung der In­ter­es­sen al­ler Be­tei­lig­ten mög­lich. Ei­ne Lö­sung au­ßer­halb des Straf­rechts wä­re da­ge­gen durch un­ter­schied­li­che Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­ten­zen von Bund und Län­dern im Be­reich des Ge­sund­heits­we­sens er­schwert.