Wirtschaftsspionage. Noch mehr Risiko durch Home Office?

Mit der zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft wird der Schutz von vertraulichen Unterneh­mens­daten immer wichtiger. Nicht nur große Unternehmen stehen im Visier von Cyber-Krimi­nel­len, sondern auch kleine und mittelständische Unternehmen sind mindestens ebenso gefährdet, Opfer von Wirtschaftsspionage zu werden. Im betrieblichen Alltag wird dieses Risiko jedoch nicht selten unterschätzt. Ist der Schaden eingetreten, verzichten betroffene Unternehmen sogar häu­fig auf eine Anzeige – sei es aus Furcht vor Imageschaden oder aus anderen Gründen. Ob das vermehrte Arbeiten im Home Office ein zusätzliches Risiko birgt, wird in jüngster Zeit diskutiert.


Das Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht hat 2018 die Situation in den Bereichen Wirt­schafts­spionage und Konkurrenzausspähung in Deutschland untersucht. Zusammen mit der Polizei hat es praxisnahe Vorschläge er­arbei­tet, worauf Behörden, Forschungseinrichtungen und Firmen bei der IT-Sicherheit achten sollten. Wie sollten diese im Fall des Falles vorgehen? Wo liegen mögliche Schwachstellen? Und wie lassen sich Mitarbeiter*innen sensibilisieren?

Im Max-Planck-Expertentalk am 10. Juni wurden diese Fragen mit Dr. Michael Kilchling, Kriminologe am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht, und Dominik Helble, Leiter Cyber Security Services bei der Festo AG & Co. KG, Ostfildern, diskutiert. Sehen Sie hier die gesamte Veranstaltung: www.youtube.com


Wirtschaftsspionage: Noch mehr Risiko durch Home Office?

Michael Kilchling: 5 Thesen

  1. Wirtschaftsspionage ist ein vielgestaltiges Phänomen: Keine einheitliche Definition, vielfältige Phänomenologie (physischer wie digitaler Know-how-Diebstahl sind gleichermaßen relevant), keine einheitliche Tätertypologie; damit einher gehen eine schwierige rechtliche Einordnung konkreter Vorfälle und ein für betroffene Unternehmen mitunter schwer durchschaubarer „Zuständigkeits-Dschungel“.
  2. Wirtschaftsspionage ist ein häufiges Ereignis. Nach einer Erhebung bei KMU im Rahmen des WISKOS-Projektes war branchen­über­grei­fend jedes dritte Unternehmen schon mindestens einmal von einem ernsten Vorfall betroffen (5-Jahres-Prävalenz).
  3. Bei Wirtschaftsspionage existiert ein sog. doppeltes Dunkelfeld: schwierige Erkennbarkeit tatsächlich relevanter Angriffe trifft auf eine Vielzahl widerstreitender Interessen in betroffenen Unternehmen im Schadensfall, die häufig den Ausschlag gegen eine Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden geben.
  4. Prävention für kleine und mittelständische Unternehmen herausfordernder und schwieriger zu stemmen als für Groß­unterneh­men („hidden champions“ gegen „global players“). Verfügbarkeit von hinreichenden finanziellen, technischen und personellen Ressourcen ist essenziell.
  5. Sensibilisierung auf Mitarbeiterebene für die Risiken und den Nutzen von Kontroll- und Schutzstrategien ist von grund­legen­der Bedeutung.