Das strafrechtliche Doppeleheverbot – § 172 StGB im Spannungsverhältnis von Kultur und Strafrecht © Michal Czyz/Unsplash

Gastvortrag von Dr. Tom Langerhans (Richter, Berlin) via Zoom am 27.01.2021, 18:00 bis 19:30 Uhr, Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht, Freiburg.


Abstract:
Strafgesetze zum Schutz kultureller Vorstellungen oder Tabus geraten zunehmend unter Druck. Das gilt auch für das straf­recht­li­che Doppeleheverbot. Seitdem das Sittengesetz als Begründungsressource weggefallen ist, stellt sich die Frage neu, wie der Gesetzgeber die Kriminalisierung von Polygamie rechtfertigen kann. Der Erklärungsversuch, die Norm schütze die staatliche Eheordnung, ist ein Zirkelschluss, aus dem nicht folgt, weshalb das zivilrechtliche Einehegebot einer straf­recht­li­chen Absicherung bedarf. In dem Vortrag werden, auch mit Blick auf die internationale Debatte, mögliche Schutzgüter von § 172 StGB vorgestellt und hinsichtlich ihrer legitimatorischen Tragfähigkeit kritisch hinterfragt. Unter Berücksichtigung des Gebots der Begrün­dungs­neutra­li­tät wird im Weiteren untersucht, inwiefern der symbolische Gehalt und der paternalistische Charakter der Norm mit der deutschen Strafrechtsdogmatik vereinbar ist. Im Ergebnis fordert der Referent, die Doppelehe zu entkriminalisieren.

Kurzbiografie:
Tom Langerhans studierte Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt »Grundlagen des Rechts« in Hamburg (Bucerius Law School) und Paris (Sciences Po). Anschließend promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin zu einem straf­recht­li­chen Thema. Sein Referendariat absolvierte er unter anderem im Bundes­ministe­rium der Justiz und für Verbraucherschutz in der Abteilung für Grundrechte. Nach seinem Zweiten Staats­exa­men arbeitete er promotionsbegleitend als Rechtsanwalt im Bereich Daten, Medien und Technologie. Seit Ende 2019 ist Tom Langerhans als Richter in Berlin tätig.