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Datum: 21.10.2020
Ort: Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht - Karl Storz Besucher- und Schulungszentrum, Berlin
Ansprechperson: Dr. Michael Kilchling
Email: m.kilchling@csl.mpg.de
Veranstaltet von: Abteilung Öffentliches Recht

De­tails zum Pro­gramm fol­gen.


Ab­stract

Ur­ba­ni­sie­rung ist ein zen­tra­ler Aspekt der ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lung in un­se­rem Jahr­hun­dert. Das ra­san­te Wachs­tum der Me­ga­ci­tys in vie­len Welt­re­gio­nen be­legt die­sen Trend eben­so wie die Ent­wick­lung städ­ti­scher Bal­lungs­zen­tren und gan­zer Me­tro­pol­re­gio­nen in Deutsch­land und Eu­ro­pa. Schät­zun­gen ge­hen da­von aus, dass im Jahr 2050 bis zu zwei Drit­tel al­ler Men­schen in Städ­ten le­ben wer­den. Die­se Ent­wick­lung ist eng ver­knüpft mit Fra­gen der ur­ba­nen Si­cher­heit. Si­cher­heits­a­spek­te be­glei­ten und prä­gen die Ent­wick­lung und Ent­fal­tung städ­ti­schen Le­bens seit je­her. Für die zu­künf­ti­ge Ent­wick­lung des städ­ti­schen Le­bens wer­den ganz ver­schie­de­ne Aspek­te prä­gend sein wie die sich mut­maß­lich wei­ter be­schleu­ni­gen­de ge­sell­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­on so­wie die wirt­schaft­li­che und tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung. Die da­mit ver­bun­de­nen Kon­flikt- und Ge­fah­ren­po­ten­zia­le und die mit­un­ter am­bi­va­len­ten Ein­stel­lun­gen in der Öf­fent­lich­keit ge­gen­über mo­der­nen Si­cher­heits­tech­no­lo­gi­en set­zen Fra­ge­stel­lun­gen der ur­ba­nen Si­cher­heit mit zu­neh­men­der Dring­lich­keit auf die Agen­da von Wis­sen­schaft und Po­li­tik. Si­cher­heits­for­schung und Stadt­for­schung ha­ben sich dement­spre­chend zu zwei be­deu­ten­den Be­rei­chen der Wis­sen­schaft ent­wi­ckelt: Ei­ne Viel­zahl wis­sen­schaft­li­cher Dis­zi­pli­nen und ganz un­ter­schied­li­cher, auch neu­er For­schungs­be­rei­che be­fas­sen sich mit den Vi­sio­nen und den Be­din­gun­gen und Her­aus­for­de­run­gen für ein si­che­res und le­bens­wer­tes Um­feld in der Stadt der Zu­kunft.

Ur­ba­ne Si­cher­heit hat vie­le Fa­cet­ten. Das Pro­gramm be­müht sich um einen mul­ti-dis­zi­pli­nären Ein­blick in das wei­te Spek­trum re­le­van­ter Fra­ge­stel­lun­gen. Die ein­zel­nen Bei­trä­ge kon­zen­trie­ren sich auf ei­ni­ge ex­em­pla­ri­sche Aspek­te und Kern­be­rei­che ur­ba­ner Si­cher­heit, die we­sent­lich sind für die Si­cher­heit und das Wohl­be­fin­den von Be­woh­ne­rin­nen und Be­woh­nern, so­wie auf wich­ti­ge Ak­teu­re und Stra­te­gi­en, die für die Ge­währ­leis­tung von Si­cher­heit ver­ant­wort­lich sind oder da­zu bei­tra­gen kön­nen oder müs­sen.

Nach ei­ner Ein­füh­rung in das Pro­gramm von Ralf Po­scher soll Ri­chard Sen­nett, ei­ner der welt­weit füh­ren­den Stadt­so­zio­lo­gen, als Keyno­te Spea­ker zu­nächst Ide­en für ei­ne Ethik der le­bens­wer­ten Stadt der Zu­kunft prä­sen­tie­ren, die er in sei­nem auch ins Deut­sche über­setz­ten Schlüs­sel­werk "Die of­fe­ne Stadt" (Mün­chen 2018) ent­wi­ckelt hat.

Im An­schluss sol­len so­dann ei­ni­ge Aspek­te, die aus heu­ti­ger Sicht von maß­geb­li­cher Be­deu­tung für die ur­ba­ne Si­cher­heit sind und sein wer­den, ver­tie­fend be­leuch­tet wer­den. Kri­mi­na­li­tät ist da­bei in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung ei­nes der zen­tra­len Pro­ble­me und ein be­deut­sa­mer Angst­fak­tor. Es soll er­läu­tert wer­den, wes­halb in die­sem Be­reich nicht nur und nicht so sehr die ob­jek­ti­ve Si­cher­heits­la­ge, son­dern vor al­lem auch sub­jek­tiv ganz un­ter­schied­lich wahr­ge­nom­me­ne Be­dro­hungs­sze­na­ri­en die Le­bens­qua­li­tät der Bür­ger­schaft be­ein­flus­sen: ur­ba­ne Si­cher­heit ist maß­geb­lich auch 'ge­fühl­te' Si­cher­heit (The­ma 1). Die – ob­jek­ti­ve und sub­jek­ti­ve – Le­bens­qua­li­tät kor­re­liert maß­geb­lich mit den öko­no­mi­schen und so­zia­len Rah­men­be­din­gun­gen (The­ma 2). Eth­ni­sche und so­zia­le Se­gre­ga­ti­on, Gen­tri­fi­zie­rung, Zu­zugs­druck und Ver­drän­gung wirt­schaft­lich schwa­cher Grup­pen sind prä­gend für die Le­bens­si­tua­ti­on in zahl­rei­chen Bal­lungs­räu­men; an­de­re städ­ti­sche Re­gio­nen sind dem­ge­gen­über durch wirt­schaft­li­chen Struk­tur­wan­del und des­sen Fol­gen ge­prägt, für die sinn­bild­lich Leer­stand und Ver­wahr­lo­sung des öf­fent­li­chen Raums ste­hen. Bei­de Ent­wick­lun­gen ha­ben maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die zu­künf­ti­ge städ­ti­sche Ent­wick­lung, und es gibt zahl­rei­che Wech­sel­wir­kun­gen. So gilt ur­ba­ne Si­cher­heit et­wa auch als ein Stand­ort­fak­tor für die Wirt­schaft. Ein wei­te­rer wich­ti­ger Aspekt ur­ba­ner Si­cher­heit be­trifft die Be­deu­tung von Mo­bi­li­tät und In­fra­struk­tur (The­ma 3). Mo­bi­li­tät ist ei­ne zen­tra­le Res­sour­ce städ­ti­scher Le­bens­qua­li­tät, und dar­auf be­zo­ge­ne, auch wi­der­strei­ten­de Be­dürf­nis­se pro­du­zie­ren ver­mehrt Ver­tei­lungs­kon­flik­te um den ver­füg­ba­ren (Stra­ßen-) Raum. Wei­te­re Fra­ge­stel­lun­gen zur In­fra­struk­tur be­tref­fen ei­ner­seits die Ver­sor­gungs­i­cher­heit, an­de­rer­seits die po­ten­zi­el­len Ge­fah­ren, die von ri­si­ko­be­haf­te­ten (In­dus­trie-) An­la­gen und an­de­ren kri­ti­schen Ein­rich­tun­gen aus­ge­hen. For­schun­gen zur Re­si­li­enz be­fas­sen sich mit den po­ten­zi­ell schwer­wie­gen­den Fol­gen ei­nes Aus­falls, Un­falls oder mög­li­chen An­schlags auf sol­che In­fra­struk­tu­ren. Ab­schlie­ßend soll in die­sem Block auch die zu­neh­men­de Be­deu­tung von Frei­zeitak­ti­vi­tä­ten und kul­tu­rel­len Großer­eig­nis­sen für das Le­ben und das Le­bens­ge­fühl in der Stadt the­ma­ti­siert wer­den (The­ma 4). Trends wie die "Fes­ti­va­li­sie­rung" der Städ­te ha­ben nicht nur Be­deu­tung für den Frei­zeit­wert gan­zer städ­ti­scher Re­gio­nen; zu­gleich ge­ne­rie­ren sie auch neue Ge­fähr­dungs­si­tua­tio­nen. Ne­ben Frei­zeit­ver­an­stal­tun­gen, na­ment­lich große Sport- und Mu­si­ke­vents, wer­den aber auch po­li­ti­sche Kund­ge­bun­gen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen kon­kur­rie­ren­der ge­sell­schaft­li­cher Grup­pen im öf­fent­li­chen Raum häu­fi­ger und ent­wi­ckeln je­weils spe­zi­fi­sche Si­cher­heits­re­le­vanz. Ent­spre­chen­de Kri­sens­ze­na­ri­en wer­den auch in der mo­der­nen Pa­nik­for­schung be­ar­bei­tet. Zu­neh­men­des Kon­flikt­po­ten­zi­al im ge­sell­schaft­li­chen All­tag ist fer­ner mit dem ver­än­der­ten Frei­zeit­ver­hal­ten in­fol­ge der Ver­än­de­rung von Ju­gend­kul­tu­ren oder der eth­ni­schen und so­zia­len Di­ver­si­fi­zie­rung ver­bun­den.

Ei­ner der wich­tigs­ten Ak­teu­re für die Ge­währ­leis­tung von Si­cher­heit und Ord­nung und die Ver­mitt­lung von po­si­ti­vem Si­cher­heits­emp­fin­den ist die Po­li­zei (The­ma 5). Sie be­stimmt maß­geb­lich das all­ge­mei­ne Ver­trau­en in die Rechts­ord­nung. Ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen brin­gen neue Her­aus­for­de­run­gen für die Rol­le der Po­li­zei und ihr Ak­ti­ons- und Re­ak­ti­ons­pro­fil mit sich, die ei­ne per­ma­nen­te Wei­ter­ent­wick­lung der po­li­zei­li­chen In­ter­ven­ti­ons­kon­zep­te, die glei­cher­ma­ßen Ef­fek­ti­vi­täts- wie Rechts­staat­lich­keits­er­for­der­nis­sen ge­recht wer­den, ver­lan­gen. Als ein we­sent­li­ches In­stru­ment zur Ver­bes­se­rung der ob­jek­ti­ven wie der sub­jek­ti­ven Si­cher­heit wer­den mit In­ten­si­tät tech­no­lo­gi­sche Über­wa­chungs­sys­te­me ent­wi­ckelt und wei­ter­ent­wi­ckelt, die in Zu­kunft Ge­fah­ren auch au­to­nom er­ken­nen und Si­cher­heits­maß­nah­men steu­ern kön­nen. In Chi­na ist die­se Ent­wick­lung in al­ler ih­rer Am­bi­va­lenz be­son­ders weit fort­ge­schrit­ten; das Land gilt da­bei zu­gleich als mög­li­ches Zu­kunfts­mo­dell wie auch als pro­ble­ma­ti­sches Bei­spiel für ei­ne zum To­ta­li­tär­en ten­die­ren­de Kon­trol­le, die, je­den­falls hier­zu­lan­de, mehr Ängs­te aus­zu­lö­sen ver­mag als sie mög­li­cher­wei­se zu ver­min­dern in der La­ge wä­re. Doch setzt selbst die Volks­re­pu­blik nach wie vor auch auf das her­kömm­li­che Kon­zept der Po­li­zei­strei­fen; in ei­nem Pi­lot­pro­jekt in der ser­bi­schen Haupt­stadt Bel­grad sol­len ge­misch­te Strei­fen das Si­cher­heits­ge­fühl chi­ne­si­scher Tou­ris­ten­grup­pen er­hö­hen (The­ma 6). Der Schluss­bei­trag greift ei­ni­ge der zu­vor an­ge­spro­che­nen Aspek­te noch ein­mal auf und be­leuch­tet, wie die Kom­mu­nal­po­li­tik die­sen und an­de­ren Her­aus­for­de­run­gen be­geg­net (The­ma 7). Die­se ist als pri­märe Re­prä­sen­ta­ti­ons­in­stanz der Bür­ger­schaft eben­falls ein zen­tra­ler Ak­teur für die Ge­stal­tung des städ­ti­schen Le­ben­sum­fel­des. Ur­ba­ne Si­cher­heit kann in An­be­tracht der oft be­grenz­ten recht­li­chen Spiel­räu­me und fi­nan­zi­el­len Res­sour­cen auch als Ver­tei­lungs­pro­blem ver­stan­den wer­den. Stadt­raum­ge­stal­tung, kom­mu­na­le Kri­mi­nal­prä­ven­ti­on und wei­te­re in­no­va­ti­ve Kon­zep­te für die Ge­währ­leis­tung von Si­cher­heit und Si­cher­heits­emp­fin­den auch in so­zia­len Brenn­punk­ten und pre­kä­ren städ­ti­schen Räu­men wer­den vor­ge­stellt.