Zu der Re­plik von Nils Mel­zer, mit der er ei­ne Rei­he von Vor­wür­fen und Ein­wen­dun­gen er­hebt, neh­me ich Stel­lung:

1. Was war die Ba­sis mei­ner Vor­wür­fe?
Nicht ir­gend­wel­che "be­lie­bi­gen In­ter­views", wie Herr Mel­zer meint, son­dern die sehr aus­führ­li­che, in en­ger Ko­ope­ra­ti­on mit dem In­ter­view­ten er­stell­te Do­ku­men­ta­ti­on auf "Re­pu­blik" vom 31.1.2020. Die­se präg­te das öf­fent­li­che Bild, und es ist des­halb le­gi­tim, die dort auf­ge­lis­te­ten In­for­ma­tio­nen auf Plau­si­bi­li­tät zu tes­ten.

2. Zur Fra­ge, warum der Uno-Son­der­be­auf­trag­te über Fol­ter zu­stän­dig sei
Herr Mel­zer hat auf der ab­strakt-all­ge­mei­nen Ebe­ne recht, dass die Be­schäf­ti­gung mit Straf­ver­fah­ren zum Kern­ge­schäft sei­nes Man­dats ge­hört - weil die Zu­fü­gung von Schmer­zen und Lei­den zur Aus­sa­ge­er­zwin­gung Fol­ter ist. Aber in un­se­rem Fall fehlt die  Be­schrei­bung ei­ner kon­kre­ten Hand­lung, die die De­fi­ni­ti­on in Art. 1 Abs. 1 UN-An­ti­fol­ter­kon­ven­ti­on er­füllt: "ei­ne Hand­lung, durch die ei­ner Per­son vor­sätz­lich große kör­per­li­che oder see­li­sche Schmer­zen oder Lei­den zu­ge­fügt wer­den". Psy­chi­sches Lei­den bei Ju­li­an Assan­ge fest­zu­stel­len, reicht für den Vor­wurf der Fol­ter nicht aus. Er­for­der­lich wä­re viel­mehr ei­ne vor­sätz­li­che Hand­lung, und der Vor­satz des Fol­terers muss auf schwe­res Lei­den ge­rich­tet sein. Ein schlam­pig ge­führ­tes, über­lan­ges Straf­ver­fah­ren oder ei­ne un­freund­li­che Be­hand­lung durch Bot­schafts­an­ge­hö­ri­ge soll­ten nicht un­ter den Be­griff der Fol­ter im Sin­ne der UN-An­ti­fol­ter­kon­ven­ti­on ge­fasst wer­den. Die völ­ker­recht­li­chen Me­cha­nis­men zur Be­kämp­fung von Fol­ter sind wich­tig und all­ge­mein kon­sens­fä­hig, weil es um gra­vie­ren­de vor­sätz­li­che Hand­lun­gen von Staats­or­ga­nen geht. Die Be­deu­tung des Be­griffs Fol­ter geht ver­lo­ren, wenn man ihn auf vie­le Feh­ler und Pro­ble­me an­wen­det.

3. Vor­wurf, dass die An­kla­ge­punk­te ge­gen Assan­ge mit "Ein­drin­gen in Com­pu­ter­sys­te­me“ falsch dar­ge­stellt sei­en
"Ein­drin­gen in Com­pu­ter­sys­te­me" schrei­be ich als Kurz­for­mel für einen viel kom­ple­xe­ren Sach­ver­halt. Es geht vor al­lem um die Be­tei­li­gung am Ha­cken (et­wa als Mit­tä­ter oder we­gen con­spi­ra­cy) und um das Ver­öf­fent­li­chen von ge­hack­ten In­for­ma­tio­nen. Straf­recht­lich liegt die ent­schei­den­de Fra­ge al­ler­dings bei ei­nem an­de­ren Punkt, näm­lich bei der Fra­ge, wel­che nor­ma­ler­wei­se straf­ba­ren Hand­lun­gen un­ter den be­son­de­ren Um­stän­den (Auf­klä­rung über schwe­re Kriegs­ver­bre­chen) durch öf­fent­li­che In­for­ma­ti­ons­in­ter­es­sen und Pres­se­frei­heit ge­recht­fer­tigt - und wel­che Hand­lun­gen nicht. Die Be­rufs­be­zeich­nung "in­ves­ti­ga­ti­ver Jour­na­list" be­ant­wor­tet dies nicht. Viel­mehr muss je­de ein­zel­ne Hand­lung von ei­nem Recht­fer­ti­gungs­grund ab­ge­deckt sein.

4. Vor­wurf, die in­vol­vier­ten Frau­en "im Sach­ver­halts­be­schrieb ver­wech­selt zu ha­ben"
Ei­ne für mich schlicht un­ver­ständ­li­che Aus­sa­ge Mel­zers. Ich ge­he auf die in­di­vi­du­el­len Be­rich­te der Zeu­gin­nen zum Se­xu­al­kon­takt nicht ein, son­dern nur auf die Ver­bre­chen, die Mel­zer schwe­di­schen Po­li­zei­be­am­ten und Staats­an­wäl­tin­nen vor­wirft.

5. Vor­wurf, mei­ne Ein­schät­zung, er ha­be of­fen­sicht­lich nicht mit den bei­den Zeu­gin­nen des schwe­di­schen Straf­ver­fah­rens ge­spro­chen, sei falsch
In sei­ner NZZ-Re­plik bringt Mel­zer zum Aus­druck: Er ha­be durch­aus mit den Zeu­gin­nen ge­spro­chen (was bei sei­nen schwe­ren Vor­wür­fen auch rat­sam wä­re). Ver­blüfft nimmt man dies al­ler­dings dann zur Kennt­nis, wenn man den­sel­ben Nils Mel­zer im Po­lit-Pod­cast "La­ge der Na­ti­on“ vom 7.2.2020 ge­hört hat. Auf die Fra­ge der In­ter­view­er, ob er denn mit den bei­den Frau­en ge­spro­chen ha­be, ant­wor­te­te Mel­zer klar und deut­lich: nein, er ha­be nicht mit den bei­den Frau­en ge­spro­chen. Es sei nicht mög­lich, mit ih­nen in Kon­takt zu tre­ten, sie "wür­den hin­ter ei­nem Schutz­wall der Rechts­ver­tre­te­rin ge­hal­ten“. Die­se Va­ri­an­te von Mel­zers Er­zäh­lun­gen ist nach­zu­hö­ren auf:

htt­ps://www.kue­chen­stud.io/la­ge­der­na­ti­on/2020/02/07/ld­n176-thue­rin­gen-wahl-trump-les­bos-assan­ge-fol­ter-in­ter­view-nils-mel­zer/, bei Mi­nu­te 1:26:57.

Frei­burg, 28.2.2020                                     Prof. Dr. Tat­ja­na Hörn­le