v.l.n.r.: Ralf Poscher | Tatjana Hörnle | Jean-Louis van Gelder © Baschi Bender

Nach der Be­ru­fung von zwei neu­en Di­rek­to­ren und ei­ner Di­rek­to­rin stellt sich das Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht in Frei­burg wis­sen­schaft­lich neu auf. Das soll auch in ei­nem neu­en Na­men sicht­bar wer­den. Die Wis­sen­schaft­sein­rich­tung heißt jetzt Max-Planck-In­sti­tut zur Er­for­schung von Kri­mi­na­li­tät, Si­cher­heit und Recht.
Fo­to v.l.n.r.: Ralf Po­scher | Tat­ja­na Hörn­le | Jean-Louis van Gel­der


Das Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht in Frei­burg heißt seit 4. März 2020 Max-Planck-In­sti­tut zur Er­for­schung von Kri­mi­na­li­tät, Si­cher­heit und Recht (Max Planck In­sti­tu­te for the Stu­dy of Cri­me, Se­cu­ri­ty and Law). Nach der Eme­ri­tie­rung der bis­he­ri­gen Di­rek­to­ren Hans-Jörg Al­brecht und Ul­rich Sie­ber und der Neu­be­ru­fung ei­nes aus ei­ner Di­rek­to­rin und zwei Di­rek­to­ren be­ste­hen­den Füh­rungs­teams er­wei­tert das In­sti­tut sein For­schungs­spek­trum und setzt bei der Un­ter­su­chung wich­ti­ger ge­sell­schaft­li­cher The­men neue Ak­zen­te. 

Das 1966 ge­grün­de­te und im Frei­bur­ger Stadt­teil Wieh­re an­ge­sie­del­te Max-Planck-In­sti­tut ist durch sei­ne bei­den For­schungs­schwer­punk­te Kri­mi­no­lo­gie und Straf­recht in­ter­na­tio­nal be­kannt. Ge­forscht wur­de und wird in­ter­dis­zi­pli­när zu Fra­gen rund um Kri­mi­na­li­tät, Kri­mi­nal­po­li­tik und straf­recht­li­che Kon­trol­le. Nach der nun er­folg­ten Neu­aus­rich­tung blei­ben die Schwer­punk­te Kri­mi­no­lo­gie und Straf­recht er­hal­ten, wer­den aber noch durch das Recht der öf­fent­li­chen Si­cher­heit er­gänzt.

Warum be­ge­hen Men­schen Straf­ta­ten?

In der Ab­tei­lung Kri­mi­no­lo­gie, die vom Nie­der­län­der Jean-Louis van Gel­der ge­führt wird, geht es künf­tig ver­mehrt um psy­cho­lo­gi­sche Aspek­te. Van Gel­der, der selbst so­wohl in Ju­ra als auch in Psy­cho­lo­gie einen Dok­tor­ti­tel hat, will er­for­schen, wel­che in­di­vi­du­el­len Ver­an­la­gun­gen und wel­che Um­welt­fak­to­ren Men­schen da­zu brin­gen, ei­ne Straf­tat zu be­ge­hen. Hier­für wer­den wis­sen­schaft­li­che Lang­zeit­stu­di­en mit Ver­hal­tens­ex­pe­ri­men­ten in der Vir­tu­al Rea­li­ty-Welt kom­bi­niert. In dem Pro­jekt Vir­tu­al Bur­gla­ry et­wa wer­den Pro­ban­den in die vir­tu­el­le Si­tua­ti­on ei­nes Ein­bruchs ver­setzt und ihr Ver­hal­ten wis­sen­schaft­lich be­glei­tet. Da­mit wird un­ter­sucht, wie Ein­bre­cher ih­re Zie­le aus­wäh­len und wel­che Ri­si­ken sie ein­ge­hen. Ziel der For­schung ist es, kri­mi­nel­les Ver­hal­ten bes­ser zu ver­ste­hen, um sich da­vor schüt­zen zu kön­nen.

Wie kön­nen Kri­mi­nal­po­li­tik und Straf­jus­tiz der heu­ti­gen Ge­sell­schaft ge­recht wer­den?

In der Ab­tei­lung Straf­recht wird zu den Grund­la­gen des Straf­rechts, zu Ver­bots­nor­men und Kri­mi­nal­stra­fen un­ter den Be­din­gun­gen von Glo­ba­li­sie­rung, Mi­gra­ti­on und der so­zia­len wie kul­tu­rel­len Frag­men­tie­rung von Ge­sell­schaf­ten ge­forscht. Wel­che Grund­sät­ze für Kri­mi­nal­po­li­tik und Straf­rechts­an­wen­dung sind in zeit­ge­nös­si­schen Ge­sell­schaf­ten gut be­gründ­bar, und wo sind Än­de­run­gen er­for­der­lich? Die Ab­tei­lung wird von Tat­ja­na Hörn­le ge­führt, die für ih­re Tä­tig­keit in Frei­burg ih­ren Lehr­stuhl für Straf­recht, Straf­pro­zess­recht, Rechts­phi­lo­so­phie und Rechts­ver­glei­chung an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin ver­las­sen hat. Sie bringt auch das Se­xual­straf­recht, für das sie ei­ne aus­ge­wie­se­ne Ex­per­tin ist, als neu­es Ar­beits­ge­biet mit. Die Re­form­pro­zes­se der ver­gan­ge­nen Jah­re in die­sem Ge­biet hat Hörn­le be­glei­tet und mit­ge­stal­tet, et­wa das 2016 in Kraft ge­tre­te­ne Se­xual­straf­recht, das un­ter dem Grund­satz „Nein heißt Nein“ steht.

Was kann der Staat zur Prä­ven­ti­on von Ge­fah­ren für die öf­fent­li­che Si­cher­heit tun?

Die neue und drit­te Ab­tei­lung des In­sti­tuts heißt Öf­fent­li­ches Recht und be­schäf­tigt sich mit dem Recht der öf­fent­li­chen Si­cher­heit. Die Wis­sen­schaft­ler der der­zeit sich im Auf­bau be­fin­den­den Ab­tei­lung un­ter der Lei­tung von Ralf Po­scher be­fas­sen sich da­mit, wie die Rechts­ord­nung auf Ge­fah­ren rea­gie­ren kann, um mög­lichst Straf­ta­ten und an­de­re Schä­den be­reits im Vor­feld zu ver­hin­dern. Wie kön­nen Po­li­zei und Ver­fas­sungs­schutz agie­ren, um Ge­fah­ren für die öf­fent­li­che Si­cher­heit z.B. Ter­ro­ris­mus und or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät ab­zu­wen­den? Wie kann die Po­li­zei den ge­sell­schaft­li­chen Wan­del ab­bil­den? Wie be­geg­net man den Ri­si­ken und Ge­fah­ren der Di­gi­ta­li­sie­rung, auf die man selbst an­ge­wie­sen ist? Und vor al­lem: Wo sind die Gren­zen die­ses „prä­ven­ti­ven Staats“? Grund­la­gen­fra­gen des Rechts wie die nach dem Ver­hält­nis von Recht und Ge­walt, des Not­stands und an­de­ren Grenz­phä­no­me­nen des Rechts, die sich be­son­ders im Rah­men der staat­li­chen Si­cher­heits­ge­währ stel­len, bil­den da­bei einen For­schungs­schwer­punkt. Der Frei­bur­ger Rechts­wis­sen­schaft­ler Ralf Po­scher war zu­vor Pro­fes­sor und De­kan an der Ju­ris­ti­schen Fa­kul­tät der Al­bert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät Frei­burg.

Die Ar­beit am Max-Planck-In­sti­tut zur Er­for­schung von Kri­mi­na­li­tät, Si­cher­heit und Recht ist in­ter­dis­zi­pli­när und in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­tet. Ex­zel­len­te Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler aus al­ler Welt ans In­sti­tut nach Frei­burg zu ho­len, ist das er­klär­te Ziel al­ler drei Di­rek­to­ren. Und: Über­ge­ord­ne­te Ziel der ge­mein­sa­men For­schung wer­de wei­ter­hin sein, der Rechts­po­li­tik Lö­sungs­we­ge für die fun­da­men­ta­len Pro­ble­me un­se­rer Zeit auf­zu­zei­gen. „Mit dem Drei­klang aus For­schung über Kri­mi­na­li­tät, Si­cher­heit und Recht sind wir hier­für bes­tens auf­ge­stellt“, er­klä­ren Hörn­le, Po­scher und van Gel­der.


Das Max-Planck-In­sti­tut zur Er­for­schung von Kri­mi­na­li­tät, Si­cher­heit und Recht ist ei­nes von ins­ge­samt 86 For­schungs­ein­rich­tun­gen der Max-Planck-Ge­sell­schaft zur För­de­rung der Wis­sen­schaf­ten e.V. Die Ge­sell­schaft wid­met sich der na­tur-, so­zi­al- und geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Grund­la­gen­for­schung.