Dina Hummelsheim-Doss über das (Un)sicherheitsgefühl der Deutschen © MPI-CSL

Senior Researcher Dr. Dina Hummelsheim-Doss spricht im Interview mit der "Südwest Presse" über die Kriminalitätsfurcht der Deutschen und was sich nach der Flüchtlingskrise geändert hat.


SWP: Frau Hummelsheim-Doss, Ihr Metier ist die Angst der Deutschen. Wie schlimm ist es?

Dina Hummelsheim-Doss: Man muss da zwei Dinge unterscheiden. Wenn man Menschen fragt, ob sie denken, dass Kriminalität zunimmt oder es immer mehr Gewalt gibt, dann wird das eine Vielzahl bejahen. Das ist seit Jahrzehnten so, egal, wie die Zahlen tatsächlich aussehen. Wenn man aber dieselben Personen fragt, ob sie selbst konkret beunruhigt sind, Opfer einer Straftat zu werden, fallen die Antworten ganz anders aus.

Nämlich wie?

Auch wer Kriminalität für ein großes Problem hält, sagt dann meist: Aber ich persönlich fühle mich in meinem Umfeld relativ sicher. Diese persönliche Kriminalitätsfurcht ist auch über viele Jahre stetig gesunken, die Menschen fühlten sich sicherer in Deutschland. Doch das hat sich laut Umfragen geändert. Unsere neueste Studie, die wir mit dem Bundeskriminalamt angefertigt haben, zeigt: Zwischen 2012 und 2017 hat sowohl  das allgemeine Unsicherheitsgefühl in der Wohnumgebung zugenommen – als auch die Furcht, Opfer eines Wohnungseinbruchs oder Raubs zu werden. Man kann sagen, dass die objektive Sicherheit und das subjektive Sicherheitsgefühl in den letzten Jahren etwas weiter auseinander gedriftet sind.

Gibt es da einen Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte?

Wir haben den Zeitraum zwischen 2012 und 2017 untersucht. Natürlich liegt da dieser Zusammenhang sehr nahe, die Debatten um Sicherheit und um Flüchtlinge wurden sehr eng verknüpft geführt. Wir sind gerade dabei, das näher zu untersuchen.

Wer fürchtet sich – und wer nicht?

Frauen, ältere und jüngere Personen fühlen sich unsicherer als Männer und Personen mittleren Alters. Menschen mit Migrationshintergrund sind stärker betroffen als Deutsche ohne Migrationshintergrund, gerade bei Personen mit türkischen Wurzeln sind Kriminalitätssorgen stärker verbreitet. Wer ein niedriges Einkommen hat und geringer gebildet ist, ist außerdem ängstlicher. Und Menschen in Ostdeutschland fühlen sich tendenziell unsicherer als Westdeutsche.

Wovon werden diese Ängste ausgelöst?

Eines wissen wir: Die Kriminalitätslage selbst ist dafür nicht der ausschlaggebende Punkt. Viel entscheidender ist die Frage der Wahrnehmung. Hier spielen natürlich die Medien eine große Rolle, da sie die Wahrnehmung verzerren können: Wenn etwa über sehr schwere, aber seltene Delikte besonders häufig berichtet wird, vermittelt das bei den Menschen den Eindruck, dass diese Taten oft vorkommen. Hinzu kommt Populismus, der Ängste schüren kann. Kriminalitätsfurcht ist eng mit der Wahrnehmung ganz anderer gesellschaftlicher Probleme und Themen verknüpft.

Gibt es noch andere Faktoren?

Einen großen Einfluss auf das Unsicherheitsgefühl hat auch das direkte Wohnumfeld der Menschen. Dafür müssen noch gar keine Straftaten passieren. Wenn Schmierereien nicht mehr entfernt werden, Müll herumliegt und Häuser verfallen oder Grünflächen ungepflegt wirken, nährt das auch das Gefühl, dass sich niemand kümmert, Recht und Ordnung in Frage gestellt sind. Das führt dazu, dass Menschen sich unsicherer fühlen. Es sind aber auch Felder, auf denen man gut gegensteuern kann. Problematisch ist hier auch, wenn der Eindruck entsteht, dass das Viertel so anonym wird, dass man niemanden mehr kennt, dass Nachbarn nicht mehr einschreiten würden, wenn Hilfe benötigt wird.

Das heißt, Menschen reagieren sehr sensibel auf subtile Veränderungen im Umfeld?

Es geht häufig nicht um Kriminalität, sondern darum, dass man sich seiner gewohnten Umgebung nicht mehr sicher ist, dass sich die Umwelt schnell verändert und nicht mehr vertraut erscheint. Das kann auch eine Erklärung für den Umschwung durch die Flüchtlingskrise sein: Plötzlich trifft man auf fremd aussehende Menschen aus einem anderen Kulturkreis, die sich vielleicht auch anders verhalten. Faktisch muss sich die Sicherheitslage gar nicht verändern, es ist ein Problem der Wahrnehmung seiner Umgebung und der Einstellungen gegenüber Fremden.

Was sind die Folgen, wenn Menschen Angst haben?

Wenn die Furcht überhand nimmt, meiden Menschen öffentliche Orte und Plätze, die ihnen Angst einflößen. Diese bleiben dann verwaist, was wiederum Unsicherheitsgefühle verstärkt. Das Schutz- und Vermeideverhalten kann eine Abwärtsspirale in Gang setzen, denn je unbelebter  ein Ort ist, desto eher kann er auch tatsächlich von kriminellen Gruppen eingenommen werden – zum Beispiel von Drogendealern. Dann hat man dort plötzlich tatsächlich Kriminalität, man kennt ja einige Beispiele aus deutschen Großstädten.

Hilft Polizeipräsenz, um dem Gefühl entgegenzuwirken?

Das kommt stark auf die Situation an. Polizeipräsenz kann zum Sicherheitsgefühl beitragen – oder genau das Gegenteil bewirken. Wenn die Polizei bürgernah und ansprechbar auftritt, etwa regelmäßig  zu Fuß im Viertel unterwegs ist, wirkt das ganz anders, als wenn sie in Streifenwagen durchfährt oder schwer bewaffnet auf Weihnachtsmärkten präsent ist. Das kann die Bürger sogar noch mehr aufwühlen, wenn sie denken: Oje, was ist denn da los?