Corona-Pandemie – Interesse an Standortdaten wächst © Maxwell Ingham/Unsplash

Im Zu­ge der Co­ro­na-Pan­de­mie wächst in Deutsch­land und an­ders­wo das In­ter­es­se an Stand­ort­da­ten, um da­mit die Be­we­gun­gen in­fi­zier­ter Men­schen nach­voll­zie­hen zu kön­nen. Mög­li­che Sze­na­ri­en sind die Ent­wick­lung ei­ner ei­ge­nen App – dar­an ar­bei­tet Me­dien­be­rich­ten zu­fol­ge der­zeit das Ro­bert-Koch-In­sti­tut -, oder der Zu­griff auf die Da­ten der großen An­bie­ter von Be­triebs­sys­te­men, so wie der­zeit in den USA ge­plant. Ne­ben der Klä­rung tech­ni­scher De­tails stellt sich na­tür­lich die Fra­ge nach den recht­li­chen Grund­la­gen für ein sol­ches Vor­ge­hen. Ralf Po­scher, Di­rek­tor am Max-Planck-In­sti­tut zur Er­for­schung von Kri­mi­na­li­tät, Si­cher­heit und Recht und dort Lei­ter der Ab­tei­lung Öf­fent­li­ches Recht, sieht der­zeit kei­ne recht­li­che Grund­la­ge, mit der die Ver­wen­dung der Be­we­gungs­da­ten der Be­völ­ke­rung mög­lich wä­re. „Es be­dürf­te für die da­mit ver­bun­de­nen Ein­grif­fe in das Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung spe­zi­fi­scher Ein­griffs­tat­be­stän­de, die das In­fek­ti­ons­schutz­ge­setz nicht kennt“, sag­te der Ex­per­te dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Science Me­dia Cen­ter. So­weit dar­über nach­ge­dacht wird, das Ge­setz zu er­gän­zen, müss­ten die Re­ge­lun­gen ver­läss­li­che or­ga­ni­sa­to­ri­sche und ver­fah­rens­recht­li­che Si­che­run­gen vor­se­hen, die ei­ne Nut­zung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten zu an­de­ren Zwe­cken als der Pan­de­mie­be­kämp­fung aus­schlie­ßen und einen aus­rei­chen­den Schutz der Per­sön­lich­keits­rech­te der Be­trof­fe­nen ge­währ­leis­ten.


Die vollständigen Statements von Prof. Dr. Ralf Poscher im Science Me­dia Cen­ter:

Zur Fra­ge, auf wel­cher recht­li­chen Grund­la­ge ei­ne Ver­wen­dung der Be­we­gungs­da­ten der Be­völ­ke­rung im Fall der CO­VID-19 Pan­de­mie mög­lich wä­re:
„Zur­zeit se­he ich kei­ne er­for­der­li­che ge­setz­li­che Er­mäch­ti­gung, auf de­ren Grund­la­ge das mög­lich wä­re. Es be­dürf­te für die da­mit ver­bun­de­nen Ein­grif­fe in das Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung spe­zi­fi­scher Ein­griffs­tat­be­stän­de, die das In­fek­ti­ons­schutz­ge­setz nicht kennt.“

„Auf­grund sei­ner Spe­zia­li­tät dürf­te das In­fek­ti­ons­schutz­ge­setz auch einen Rück­griff auf das all­ge­mei­ne Ge­fah­ren­ab­wehr­recht der Lan­des­po­li­zei­ge­set­ze weit­ge­hend aus­schlie­ßen. Selbst wenn der Rück­griff auf die Po­li­zei­ge­set­ze nicht aus­ge­schlos­sen wä­re, sind elek­tro­ni­sche Auf­ent­halts­er­mitt­lun­gen dort nur für Fäl­le ei­ner kon­kre­ten Ge­fahr vor­ge­se­hen (et­wa § 22 Abs. 1 Nr. 3 PolG BW). Die könn­te et­wa vor­lie­gen, wenn die Ge­fahr be­steht, dass ei­ne in­fi­zier­te Per­son ei­ne ge­gen sie an­ge­ord­ne­te Qua­ran­tä­ne ver­letzt – et­wa, weil be­kannt ist, dass sie sich trotz Qua­ran­tä­ne­an­ord­nung auf ei­ne Rei­se be­ge­ben will oder Ähn­li­ches. Ei­ne flä­chen­de­cken­de Über­wa­chung auch nur be­stimm­ter Tei­le der Be­völ­ke­rung lässt sich aber auf die­se Re­ge­lun­gen nicht stüt­zen.“

Zur Fra­ge, wel­che Vor­aus­set­zun­gen, wie der Aus­ruf des Ka­ta­stro­phen­falls, da­für er­füllt sein müss­ten:
„Auch die Ka­ta­stro­phen­schutz­ge­set­ze der Län­der ken­nen kei­ne ent­spre­chen­den Re­ge­lun­gen. Ne­ben or­ga­ni­sa­ti­ons­recht­li­chen Zen­tra­li­sie­run­gen se­hen sie zwar re­gel­mä­ßig auch Hilfsplich­ten der Be­völ­ke­rung vor, aber kei­ne be­son­de­ren Vor­schrif­ten zur flä­chen­de­cken­den Stand­ort­da­te­ner­he­bung. Die Aus­ru­fung des Ka­ta­stro­phen­falls än­dert da­her nichts an der feh­len­den ge­setz­li­chen Grund­la­ge für ent­spre­chen­de Maß­nah­men.“

Zur Fra­ge, wie in die­sem Fall ver­schie­de­ne Rechts­grund­la­gen ge­gen­ein­an­der ab­zu­wä­gen sind, et­wa Ge­set­ze zum Da­ten­schutz ge­gen Pan­de­mierecht oder Ka­ta­stro­phen­schutz­recht:
„Von be­son­de­rer Be­deu­tung ist hier das Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung, in das mas­siv ein­ge­grif­fen wür­de. Rich­tig ver­stan­den schützt es vor den ab­strak­ten Ge­fah­ren, die be­son­ders auch mit ent­spre­chend weit­rei­chen­den Da­te­ner­he­bun­gen und -ver­ar­bei­tun­gen für die Grund­rech­te der Be­trof­fe­nen ver­bun­den sind. Um die­sen Ge­fah­ren vor­zu­beu­gen, wä­re es wich­tig, dass mit ei­ner ent­spre­chen­den ge­setz­li­chen Grund­la­ge auch ver­läss­li­che ver­fah­rens­recht­li­che und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Si­che­run­gen ge­trof­fen wür­den, die einen Miss­brauch der Da­ten ver­hin­dern und si­cher­stel­len, dass die Da­ten tat­säch­lich nur für die Pan­de­mie­be­kämp­fung ge­nutzt wer­den. So set­zen al­so et­wa die süd­ko­rea­ni­schen Re­ge­lun­gen auf größt­mög­li­che Trans­pa­renz des Da­ten­ab­gleichs und ver­lan­gen die rück­halt­lo­se Lö­schung al­ler Da­ten nach dem En­de der Kri­se. In Is­rael wird der Kreis der­je­ni­gen, die Zu­griff auf die Da­ten ha­ben, auf mög­lichst we­ni­ge Si­cher­heits­be­am­te be­schränkt. Für die deut­sche Recht­ord­nung müss­te im Ein­zel­nen über­legt wer­den, wel­che Si­che­run­gen die­ser und noch wei­te­rer Art – et­wa durch An­ony­mi­sie­rung und Pseud­ony­mi­sie­rung der Da­ten – mög­lich wä­ren. In Deutsch­land wä­re die ge­setz­li­che Re­ge­lung ei­ner sol­chen Be­kämp­fungs­stra­te­gie nur dann ver­fas­sungs­recht­lich zu­läs­sig, wenn es ei­ne ent­spre­chen­de Ab­si­che­rung ge­gen die mit der Über­wa­chung ver­bun­de­nen Ge­fah­ren gä­be.“

Zur Fra­ge, wie schnell ein even­tu­el­les Ge­setz oder ei­ne Ver­ord­nung ver­ab­schie­det wer­den könn­te:
„Recht­lich wä­re ein Han­deln des Ge­setz­ge­bers er­for­der­lich. Die feh­len­den ge­setz­li­chen Grund­la­gen müss­ten in den Mi­nis­te­ri­en er­ar­bei­tet und dann durch den Bun­des­tag und den Bun­des­rat be­schlos­sen wer­den. Dass der Ge­setz­ge­ber in Not­si­tua­tio­nen auch in­ner­halb von Ta­gen han­deln kann, hat er in die­ser Kri­se – wie auch in an­de­ren – be­reits un­ter Be­weis ge­stellt.“

„Fak­tisch setzt ei­ne Be­kämp­fungs­stra­te­gie, die – wie die süd­ko­rea­ni­sche – ganz we­sent­lich auf die Nach­ver­fol­gung In­fi­zier­ter setzt, zum einen um­fang­rei­che Test­kam­pa­gnen und ei­ne IT-In­fra­struk­tur vor­aus, die die Da­ten ope­ra­tio­na­li­sier­bar macht. In Süd­ko­rea dürf­te die große Ak­zep­tanz des Vor­ge­hens und wohl auch sein Er­folg nicht zu­letzt auch dar­auf be­ru­hen, dass die Da­ten der Be­völ­ke­rung über Ap­pli­ka­tio­nen auf ih­ren Mo­bil­funk­ge­rä­ten in Echt­zeit zu­gäng­lich ge­macht wur­den.“

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