Wie wir unser eigenes Ich sehen 

Wissenschaftsteam nähert sich dem Phänomen der Selbsteinsicht

21. April 2026

Ein internationales Wissenschaftsteam um die Max-Planck-Forscherin Isabel Thielmann hat sich in einer um­fas­sen­den Studie darauf geeinigt, dass Selbsteinsicht – also die akkurate Wahrnehmung eigener Persön­lich­keits­merkmale und momentaner Zustände – kein allgemeines, universelles Gut ist, sondern vielmehr kontextabhängig und veränderbar. Die Studie, die in der Fachzeitschrift Nature Reviews Psychologyerschienen ist, führt bestehendes Fachwissen zusammen und ist ein großer Schritt hin zu einem wissenschaftlichen Konsens­.­

Wie akkurat nehmen wir uns selbst wahr? Dieser Frage, die seit Jahrtausenden Philosophen und Psychologinnen beschäftigt, versucht ein internationales Wissenschaftsteam in einer Studie näherzukommen. Was ist Selbsteinsicht? Wie kann man sie messen? Ist mehr davon immer gut? Und kann sich Selbsteinsicht verändern?, lauten die Leitfragen des Forscherteams.

Ziel der Studie ist es, auf bestehender Forschung basierende Thesen zu stellen und zu debattieren – und am Ende einen wissenschaftlichen Konsens zu erzielen. Um dieses Ziel zu erreichen, setzen Isabel Thielmann und ihr Max-Planck-Team in der Studie die sogenannte Delphi-Methode ein. Bei diesem wissenschaftlichen Verfahren handelt es sich um eine strukturierte, mehrstufige Befragungsmethode, bei der Expertinnen und Experten zu zentralen Fragen eines For­schungs­felds befragt werden, um einen Konsens zu erreichen. In diesem Fall wurden 17 ausgewiesene Psychologinnen und Psychologen zum Thema Selbsteinsicht befragt.

Dabei wurde Selbsteinsicht folgendermaßen definiert: Selbsteinsicht ist die Genauigkeit, mit der eine Person ihre eigenen relativ stabilen Merkmale – wie Persönlichkeit, Fähigkeiten oder Motive – und momentanen Zustände – wie Stimmung oder Bedürfnisse – wahrnimmt.

Die Expertinnen und Experten einigten sich auf folgende Schlussfolgerungen, betonen aber zugleich, dass es zu einigen Aspekten an entsprechender empirischer Evidenz fehlt. Das liegt mitunter daran, dass die Messung von Selbsteinsicht herausfordernd ist. Laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern misst man Selbsteinsicht zumeist durch den Vergleich von Selbstwahrnehmung und einer externen, verlässlichen Quelle, etwa durch Beobachtungen von Freunden, Kolleginnen oder durch Leistungstests.

1. Selbsteinsicht ist domänenabhängig

Wer seine Mathekompetenz gut einschätzen kann, weiß nicht automatisch, wie er oder sie in emotional aufwühlenden Situationen reagiert. Selbsteinsicht ist domänenabhängig – es kann in einem Bereich hoch sein, in einem anderen dagegen fehlen. Es gibt also nicht die Selbsteinsicht.

2. Mehr Selbsteinsicht ist nicht immer besser

Mehr Selbsteinsicht ist nicht unbedingt immer besser. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stimmen gänzlich darin überein, dass das Wissen über eigene Schwächen oder unerwünschte Eigenschaften belastend sein kann. Wer sich zu genau bewusst wird, dass er oder sie impulsiv oder unzuverlässig ist, kann dadurch psychische Belastung erfahren – und deshalb sogar Informationen bewusst vermeiden.

Daher ist die Idee von „positiven Illusionen“ – also einer leicht verzerrten, aber positiven Selbstwahrnehmung – nicht nur populär, sondern auch psychologisch plausibel. In manchen Situationen kann eine etwas optimistischere Sicht auf sich selbst sogar gesünder sein als eine hundertprozentige Genauigkeit.

In einigen Situationen kann es jedoch sehr wohl wichtig sein, sich selbst richtig einzuschätzen, z.B. wenn es darum geht, einen geeigneten Job für sich auszuwählen. „Grundsätzlich ist es für Menschen vorteilhaft, wenn sie ihre relativen Stärken und Schwächen gut einschätzen können. Das hilft z.B. bei so mancher Entscheidungsfindung“, erklärt Studienleiterin Isabel Thielmann.

3. Selbsteinsicht kann verändert werden, aber es ist schwer

Selbsteinsicht ist veränderbar. Sie kann durch neue Informationen – etwa durch konstruktives Feedback, Reflexion oder Lebenserfahrungen – wachsen. Auch durch bewusste Selbsterfahrung oder Therapie kann sie sich verbessern. Selbst­einsicht zu verbessern erfordert Wissen, Mut, Offenheit und gezielte Strategien.

Wir tragen den Forschungsstand zusammen und legen die Basis für einen wissenschaftlichen Konsens.
Isabel Thielmann

„Mit unserer Studie haben wir versucht, in dem Themengebiet um Selbsteinsicht und Selbstwahrnehmung bestehendes Wissen systematisch zu bündeln, den Forschungsstand zusammenzutragen und damit die Basis für einen wissen­schaft­lichen Konsens zu bilden“, fasst Isabel Thielmann zusammen. „Die Studie kann aber auch für jeden, der sich selbst besser verstehen möchte, wichtige Impulse geben.“

Die Studie wurde im Rahmen des EU-Projekts KNOW-THYSELF durchgeführt. Mehr zum Projekt unter personality-identity-and-crime/projekte/know-thyself.

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