Parochialismus und Altruismus
Max-Planck-Forschende entwickeln neues Messinstrument zur Bestimmung von Konfliktverhalten
Warum verhalten wir uns oft hilfsbereit gegenüber Menschen in unserer Gruppe, während wir gleichzeitig Fremdgruppen benachteiligen? Um das herauszufinden, hat ein Forschungsteam um die Max-Planck-Researcher Hannes Rusch und Isabel Thielmann ein neues Werkzeug entwickelt, das erstmals ermöglicht, Hilfsbereitschaft (Altruismus) und Gruppenbezogenheit (Parochialismus) unabhängig voneinander zu messen.
In Kooperation mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universitäten in Wien, Innsbruck und Boston führten Rusch und Thielmann fünf umfangreiche Studien mit mehr als 1.100 Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen durch, darunter Fußballfans, Anhänger politscher Parteien in den USA und Mitglieder indigener Gemeinschaften in Äthiopien. Die Teilnehmenden mussten in ökonomischen Experimenten Entscheidungen treffen, bei denen sie mit ihrem Verhalten anderen real Vorteile oder Nachteile verschafften.
Die Forschenden verwendeten hierbei zwei Tests, die sie zu einem Messinstrument kombinierten: Der erste Test erfasst, wie bereitwillig jemand anderen Menschen helfen würde, selbst wenn es für einen selbst einen Nachteil bedeutet („altruistisches Verhalten“). Der andere, neu entwickelte Test misst, wie sehr eine Person die eigene Gruppe gegenüber Fremdgruppen bevorzugt oder benachteiligt („parochiales Verhalten“). Das Forscherteam nutzte die beiden Tests in verschiedenen sozialen Gruppen sowie in unterschiedlichen kulturellen und realen Konfliktkontexten.
Die Erkenntnis: Mit dem neuen Verfahren konnten die Forschenden beide Verhaltensweisen erstmals unabhängig voneinander messen. Die von den Wissenschaftlern kombinierten Maße – das Individual-Social-Value-Orientation-Maß (misst die altruistische Präferenz gegenüber Einzelpersonen) und das neue Group-Social-Value-Orientation-Maß (bildet die Präferenz für das Wohlergehen der eigenen Gruppe im Vergleich zu Fremdgruppen ab) weisen darauf hin, warum Menschen anderen Gruppen schaden und der eigenen Gruppe helfen. Dass dieses neue Messverfahren funktioniert, ist ein großer Erfolg für die beteiligten Forschenden. Denn bislang standen der Wissenschaft nur eindimensionale Ansätze als Messmethode zur Verfügung.
„Mit dem neuen Messinstrument können wir das Zusammenspiel von Hilfsbereitschaft und Gruppendenken genauer untersuchen und so unser Verständnis von den Ursachen und Dynamiken realer Konflikte vertiefen“, erklären Hannes Rusch und Isabel Thielmann.
Hilfsbereitschaft gegenüber der eigenen Gruppe hat mit der eigenen Konflikterfahrung zu tun
Insbesondere zeigt die vorliegende Studie bereits: Beide Tendenzen beeinflussen unser Verhalten in Gruppenkonflikten. Jedoch wirken sie unterschiedlich und hängen von verschiedenen Faktoren ab. Die Hilfsbereitschaft gegenüber der eigenen Gruppe (Altruismus) beispielsweise steigt mit der tatsächlichen Konflikterfahrung (z. B. bei Menschen, die selbst Gewalt oder Bedrohung erfahren haben).
Die Neigung zur Benachteiligung fremder Gruppen (Parochialismus) hängt dagegen vor allem von der subjektiven Wahrnehmung der Konfliktintensität ab. Anders als von einigen bisherigen Theorien angenommen, kann Parochialismus gegenüber unterschiedlichen Fremdgruppen variieren. Mit anderen Worten: Wie stark wir andere Gruppen benachteiligen, kommt auf die konkrete Fremdgruppe an. Bisherige Theorien gingen dagegen meist von einer einheitlichen Feindseligkeit gegenüber allen Fremdgruppen aus.
„Die Studie belegt erstmals, dass Parochialismus davon abhängt, wie intensiv ein Konflikt mit einer Fremdgruppe subjektiv empfunden wird. Im Prinzip kann jemand also zum Beispiel fremdenfeindlich gegenüber anderen Nationalitäten sein und gleichzeitig fremdenfreundlich, was andere Religionen betrifft. Die Frage scheint weniger, dass es sich um Fremdgruppen handelt, sondern eher, wo Konflikte gesehen werden“, fassen Hannes Rusch und Isabel Thielmann zusammen.
Um genauer zu klären, wie sich die Stärke der Identifikation mit der eigenen Gruppe und verschiedene Rahmenbedingungen auf das Verhalten in Konfliktsituationen auswirken, werden den Autoren zufolge zusätzliche Forschungsvorhaben nötig sein.
